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Archive for Srpen, 2009

Prager Legenden

Vor ein paar Tagen wurde ich zu einer Moldaufahrt eingeladen. Auf einem malerischen Moldaukahn, gesteuert von einem malerischen Kapitän, erklärte mir eine malerische Stadtführerin all das, was vom Wasser aus sehen konnte. Man konnte sehr viel vom Wasser aus sehen, und wir hatten nur eine Viertelstunde Zeit, also erklärte sie sehr schnell und weil ich die ganze Zeit versuchte, ebenfalls malerisch auszusehen, hörte ich nicht richtig zu. Ganz sicher sagte sie aber, dass sich um Prag und seine Bauwerke viele Legenden spinnen würden. Ich vermute, dass die meisten Städte das von sich behaupten. Legenden machen sich schließlich gut für Städte und besonders gut machen sie sich für Stadtführerinnen. Drei dieser Legenden will ich hier wiedergeben, da ich aber, wie gesagt, nicht ganz bei der Sache war, kann ich für ihre Wahrheit nicht garantieren, nicht einmal für ihre Wahrheit als Legenden.

 

1. Die große Orgel in der St. Niklas-Kirche weist am Notenbrett deutliche Bissspuren auf. Der Legende nach stammen sie aus dem Jahr 1787 und zwar von einer jungen Pragerin, die mit dem damals in Prag weilenden Mozart in eine solch leidenschaftlichen Affäre verstrickt war, dass sie selbst bei seinem Konzert in der St. Niklas-Kirche nicht voneinander lassen konnten. Mozart soll selten so gut gespielt haben.

2. Das Tretbootfahren soll angeblich in Prag erfunden worden sein. Im Juni 1621, wenige Monate nach der Schlacht am Weißen Berg, in dem die böhmischen Stände in nur zwei Stunden von den Habsburgern besiegt wurden, versuchte einer der böhmischen Adeligen seiner drohenden Hinrichtung auf dem Wasserwege zu entkommen. Kurz vor der Sophieninsel brachen ihm aber gleichzeitig beide Paddel (Sabotage?), und während die Boote seiner Häscher immer näher kamen, baute er sich mithilfe seiner Halskette, der beiden Paddelstumpen und zwei ineinander gesteckter Regenbogenforellen eine rudimentäre Tretvorrichtung, mit der er sein Leben rettete und die Welt um eine beliebte Freizeitaktivität für Jung und Alt bereicherte. Ihm zu Ehren befindet sich auf der Nordseite der Sofieninsel heute der größte Tretbootverleih Europas.

3. Im sogenannten „Tanzenden Haus“, dem von Frank Gehry und Vlado Milunic entworfenen Bürogebäude in der Neustadt, soll es spuken. Angeblich handelt es sich dabei um den Geist von František Stejskal, dessen Entwurf damals nur auf dem zweiten Platz landete. Stejskal, der sich bester Gesundheit erfreut, verbittet sich jedoch diese Legende.

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In der Straße, in der ich wohne, befindet sich auch die amerikanische Botschaft. Es ist ein schönes Gebäude, in dem zum Ende seines Lebens für ein paar Monate Kafka gelebt hat. Morgens steht da immer eine kleine Schlange von Menschen, wohl um ein Visum zu beantragen, nachmittags lassen sich manchmal amerikanische Reisegruppen vor dem Gebäude fotografieren. Vielleicht haben sie Heimweh. Sonst ist wenig los.

Aber weil es sich nun einmal um die amerikanische Botschaft handelt, parkt ein paar Meter weiter ein Polizeiwagen. In dem Wagen sitzen zwei Polizisten. Wenn ein Auto die Straße hinauf fahren will, steigen sie aus. Der eine schaut dann halbherzig mit einem Spiegel unter das Auto, der andere lässt sich vom Fahrer kurz Motorhaube und Kofferraum öffnen. Dann nicken sie, und das Auto kann weiter fahren.

Amerikanische Botschaft

Ich weiß nicht, wonach die beiden Polizisten suchen. Aber was immer es auch sein mag, es wäre lächerlich leicht an ihnen vorbei zu schmuggeln. Das weiß der Fahrer, das wissen die Polizisten, das wissen auch die Botschaftsangestellten, die dadurch ja eigentlich gesichert werden sollen. Es ist ein reines Ritual, eine Inszenierung von Kontrolle, die beim besten Willen nicht stattfindet.

Ich laufe jeden Tag mehrfach an den Polizisten vorbei. Sie sind immer guter Laune, und das freut mich. Ich stelle es mir nicht einfach vor, den ganzen Tag nach etwas zu suchen, von dem man weiß, dass man es, selbst wenn es existierte, nicht finden wird. Aber vielleicht täusche ich mich da. Vielleicht ist sogar genau das der Grund ihrer guten Laune. Und vielleicht betrachte ich das Ganze auch von der falschen Seite, und sie finden immer etwas, in jedem einzelnen Auto, das sie anhalten: nämlich alles in bester Ordnung.

Ich werde ab jetzt täglich die Anzahl meiner Beine überprüfen.

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Das frühe Aufstehen erleichtert das Sozialisieren: Mich grüßen jetzt schon der Trafikant, der Straßenfeger und der Mann mit den beiden identisch aussehenden Hunden. Nach acht wird es dann wieder anonym.

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Heute habe ich gelernt, dass Prag die Stadt mit den meisten Hunden in Europa ist.

Sonst gibt es hier ebenfalls viel: Thai-Fußmassage-Salons und Uhren.

Dem ersten Überfluss stehe ich etwas mürrisch gegenüber (ich habe in all den Jahren nicht gelernt, Hunde okay zu finden), der zweite befremdet mich. Das mit den Uhren will mir aber gefallen. In den meisten Städten verschwinden die öffentlichen Uhren fast genau so spurlos wie einst die Telefonzellen. Und wenn es sie noch gibt, dann gehen sie recht eigentümlich. Hier in Prag weiß ich jedoch stets, wie spät es ist. Dumm nur, dass ich es ausgerechnet hier so gut wie nie wissen muss.

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Little Italy

Little Italy

Ich wohne, das konnte ich nicht ahnen, im Little Italy Prags. Es besteht aus genau einer Straßenecke, unmittelbar vor dem „Latin Art Café“, einer kleinen und nicht im engeren Sinne malerischen Bar auf der Kleinseite der Stadt, in der die ganze Zeit Gypsy Kings gespielt wird. Irgendwann am Abend gibt es dort auch einen Live-Act: montags, mittwochs und freitags den Sänger mit der tiefen Stimme, an den anderen Tagen den mit der noch tieferen, aber auch die spielen beide immer Gypsy Kings, und das hat dann etwas Beruhigendes. Ich weiß nicht, warum das „Latin Art Café“ der Treffpunkt der italienischen Touristen ist, vielleicht wissen sie es selbst nicht, man müsste wohl mal in der italienischen Ausgabe des Lonely Planet nachschlagen. Ich weiß auch nicht, wie die Italiener aussehen, ich höre nur ihre Stimmen. Am frühen Abend sprechen sie noch Italienisch, meistens in Mobiltelefone und meistens sehr laut, weil sie nach Italien telefonieren, und das ist weit weg, ab Mitternacht sprechen sie dann Englisch, wahrscheinlich weil sie auf schweigsame Nicht-Italiener einreden.

Nur um Franzosen kann es sich dabei nicht handeln, die Franzosen befinden sich nämlich, wie ich festgestellt habe, allesamt vor einer Bar in der Parallelstraße, und auch das wird etwas mit dem Lonely Planet zu tun haben.

Französisch höre ich wahrscheinlich am häufigsten in Prag, dicht gefolgt von spanisch, englisch landet nur auf Platz drei, dann kommt deutsch und schließlich, etwas abgeschlagen, tschechisch. So selten sind die Landsleute im Zentrum geworden, dass ich ab und an für sie einspringen muss. Ich mache das gern. Es ehrt mich, für einen Tschechen gehalten zu werden, auch wenn das wohl hauptsächlich an meinem kleinen Sohn liegt, mit dem ich hier durch die Straßen spaziere. Er sieht zwar auch nicht viel tschechischer aus als ich, aber ein Kleinkind ist nach wie vor eine gute Tarnung für einen Touristen. Kleinkinder machen einen automatisch zum Einheimischen – genauso wie große Packungen Toilettenpapier wahrscheinlich, oder ein Zollstock, all das, was man als Tourist gemeinhin nicht dabei hat. Und so werde ich, weil ich mit Kind der Einheimischste weit und breit bin, regelmäßig von Franzosen, Spaniern, Amerikanern und Deutschen um Hilfe gebeten. Ob ich Englisch spreche, fragen sie höflich, und ich nicke dann gönnerhaft, „of course“. Und dann soll ich ihnen den Weg irgendwohin erklären. Das ist oft nicht schwer, denn in den meisten Fällen geht es um die Karlsbrücke, die Burg oder den Altstädter Ring, das weiß dann sogar ich. Manchmal ist es aber auch eine bestimmte Kirche, eine kleine Nebenstraße, ein verstecktes Restaurant, von dem ich natürlich noch nie gehört habe, aber das darf mich nicht stören, ich habe schließlich eine Verantwortung als Tscheche, und so sage ich dann einfach: „The second street on your left“ oder „It’s right around the corner, but unfortunately it’s closed on Wednesdays“ oder „You don’t want to go there. That’s a tourist trap, if you really want to have a proper czech dinner, you have to got to Smíchov“, und dann plaudern wir noch ein wenig und am Ende rufe ich ihnen „Have a wondeful time in Prague“ hinterher, und die Touristen sind glücklich und ich bin glücklich, nur mein Sohn schaut mich etwas verwundert an. „Co?“, frage ich ihn dann, und wenn er schon richtig sprechen könnte, würde er bestimmt mit „Nic“ antworten.

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Magisches Prag

Magisches Prag 1

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Ich weiß, was sich gehört. In den ersten 48 Stunden in einer neuen Stadt sollte man Eindrücke sammeln, man sollte sich mit großen Augen überfordern lassen und sich daran erfreuen, dass jeder Schritt eine Entdeckung ist, und vorbildlich bin ich auch auf und ab gelaufen, kreuz und quer, über Brücken und durch Parks, durch Straßen und Gassen und Torbögen und Einkaufszentren, aber leider erkannte ich alles wieder. Jedoch nicht von meinen bisherigen – allesamt sehr kurzen – Besuchen in Prag, sondern aus vollkommen anderen Städten, aus nahe liegenden wie Budapest, wie Krakau, wie Bologna und Paris, aber auch aus Cluj, aus Graz, aus Bamberg, aus Mannheim. Ich stolpere von déja-vu zu déja-vu, und falle jedes Mal wieder darauf hinein, jedes Mal denke ich, das alles schon zu kennen, bevor mir auffällt, dass das nicht stimmt, dass es doch neu ist, dass es doch eigentlich fremd ist und daher auch befremden sollte. Aber das tut es einfach nicht, so sehr ich mich auch bemühe, und ich frage mich, warum es das um Himmels Willen nicht tut.

Natürlich gleichen sich viele europäische Städte: Es gibt den Fluss und die Burg und das Café und die Touristen und die Tauben, es gibt Starbucks und Vodafone und Kirchen und Kopfsteinpflaster, es gibt Irish Pubs, es gibt koreanische Autos, es gibt tschechisches Bier, japanisches Essen, schwedische Möbel, es gibt Espresso und Tapas und Harry Potter – davon war aber auszugehen, das wusste ich, das kann kein Grund dafür sein, dass mir die Stadt schon so bekannt vorkommt.

Und natürlich, so fürchte ich, liegt es auch am Älterwerden, am eingeschränkten Blick, am ständigen Vergleichen und Einsortieren, so wie man auch neue Menschen schon zu kennen glaubt, weil sie einen an andere erinnern, so wie einen Bücher langweilen, weil man glaubt, sie schon einmal in besser gelesen zu haben.

Aber der wahre Grund ist vielleicht ein anderer. Der wahre Grund ist vielleicht, dass mir das Gefühl der Fremdheit schon so vertraut ist, dass es das eigentliche Fremde überdeckt, dass es mich nur erinnert an all die anderen Fremdheiten. Bei jedem Hantieren mit dem Stadtplan erinnere ich mich an die tausend vorherigen hantierten Stadtpläne, jedes Währungsumrechnen erinnert an frühere Rechnereien, jedes Verlaufen, jedes Radebrechen, jedes Gestikulieren, jedes mühsame Entziffern, jeder schmerzende Fuß, jeder verschämte Satz auf Englisch, jedes berauschende Gefühl von Freiheit ist schon geprobt. Ich kenne meine Rolle so gut, dass die Kulisse doch eigentlich beim besten Willen nicht unvertraut sein kann, und deshalb glaube ich, alles wieder zu erkennen, weil ich nicht die Stadt wahrnehme, sondern mich selbst im Verhältnis zu ihr.

Zwei Monate werde ich hier in Prag sein. Zeit genug, um mich so an die Stadt zu gewöhnen, dass sie mir fremd wird. Und darauf freue ich mich sehr.

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