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Archive for the ‘Lars Reyer’ Category

Studená husa

Rukou anonymního aranžéra

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Kalte Gans

Blog 4

Von der Hand eines anonymen Arrangeurs

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Mein guter Receptionist

Der Mensch denkt immer gleich, dass er stirbt. So auch ich. An einem der ersten Abende meines Aufenthaltes verfiel ich auf die kümmerliche, mir aber in dem Moment ganz lebensfroh erscheinende Idee, in meiner kleinen Küche einen Salat zuzubereiten. Ich hatte tagsüber das Supermarktangebot sondiert und mich mit den nötigen Grundnahrungsmitteln eingedeckt. Ich bin eben doch der typische Nestbauer. Aber schon das Kleinschneiden des Salatkopfes misslang. Ich hatte die Schärfe fabrikneuer Messer unterschätzt und den schrägen Zuschliff der Klinge. Allerdings hätte ich auch nicht unbedingt ein Steakmesser für diese simple Tätigkeit verwenden müssen. Das Sinnieren half nichts mehr, die halbe Fingerkuppe war ab. Zumindest der Blutfluss legte eine besondere Schwere der Verletzung nahe. Innerhalb kürzester Zeit blutete ich alle vorhandenen Pflaster und Papiertücher restlos voll. Aber ich bin ein Mensch, der Blut sehen kann ohne umzukippen; und selbst die immer wieder aufs Neue einreißende Wunde, dieser feine Schmerz, der einen an seine Nervenbahnen erinnert, bereitete mir eine zwar merkwürdige, doch spürbare Freude. Es wurde später und ich wollte auf keinen Fall das Bett vollbluten. Man kann den Eindruck, den man dadurch hinterlässt, nur schwerlich wieder wettmachen. Und Erklärungen auf Tschechisch, die ich dann der Putzfrau, die jeden Tag aufopferungsvoll mein Chaos zusammenräumt, hätte machen müssen, sind noch immer nicht meine Stärke. Was also tun?

Ich ging zu Jaroslav. Jaroslav ist mein Receptionist, mein guter Receptionist. Als ich am ersten Tag eincheckte, erfreute er mich bereits mit der Nachricht, er sei vor ein paar Jahrzehnten einmal in Leipzig zu Besuch gewesen. So etwas schafft gleich Verbundenheit, stellte ich mir doch Jaroslav vor, wie er, im damals noch vollkommen ruinösen, unter einer gelblichen Dunstglocke steckenden Leipzig seine Runden drehte und womöglich an meiner zukünftigen Wohnung vorbeikam wie einer, dessen Vorahnungen ihn sicher durch die Welt leiten. Ich ging also hinunter zu Jaroslav an die Reception, in der Hoffnung, er könne mich mit Pflastern versorgen. In dem etwas zerriebenen Schuhkarton, den er aus der Abstellkammer heranschaffte, fanden sich Mullbinden und Ampullen mit unbekanntem Inhalt, Einwegspritzen und Zungenstäbchen – jedoch kein einziges Pflaster. Jaroslav fragte mich, in seinem vom Akzent schöngeschliffenen Deutsch, ob ich denn gegen Tetanus geimpft sei, dann würde ich sicherlich nicht sterben. Manche Menschen haben die Fähigkeit, einen durch ihre Worte in einen Zustand der Zuversicht zu versetzen; und Jaroslavs gutmütiges Gesicht, sein umständliches Gestikulieren, das mich ein wenig an das meines Vaters erinnerte, taten ein übriges, um mich beschwingt in meine Wohnung zurückkehren zu lassen. Dort merkte ich dann erst, dass ich gar keine Zuversicht gebraucht hätte, weil ich nämlich nicht unzuversichtlich, sondern nur auf der Suche nach einem Pflaster gewesen war. Stattdessen stellte sich nun Unbehagen ein; in den dunklen Räumen meiner Wohnung hallte Jaroslavs Frage dunkel nach. War ich denn tatsächlich gegen Tetanus geimpft? Und was sollte an Tetanus überhaupt so schlimm sein? Das war doch auch wieder nur eine von den Geschichten (eines der Wörter), mit denen man Kindern Angst einjagt. „Wenn du dich nicht impfen lässt, holt dich der Tetanus!“ Wikipedia allerdings förderte es zutage. Das ganze grausige Bild. Ich las von grippeähnlichen Anfangssympthomen, vom Teufelsgrinsen, das sich einstellt, weil die Kiefermuskulatur verhärtet, von einer Überspannung der langen Rückenmuskulatur, die schnell mal zum Wirbelbruch führen kann und schließlich vom Tod durch Ersticken. Danke, Jaroslav. Der Mensch denkt immer gleich, dass er stirbt. Und er hat damit, auf lange Sicht, vollkommen Recht. Ich aber war froh, als ich, nach langen Telefonaten und offen zur Schau gestellter Verzweiflung, herausfand, dass ich doch gegen Tetanus geimpft war. Geimpft bin. Als mich am nächsten Morgen Jaroslav zum Frühstück begrüßte, sagte ich ihm, ich hätte prächtig geschlafen, das Bett sei aber dennoch vollgeblutet. Das macht nichts, sagte Jaroslav, solange wir noch bluten, ist alles in bester Ordnung. Mein guter Receptionist!

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chodit dýchat mlčet

Odjakživa jsem byl vytrvalý chodec. Ať jsem byl kdekoli, chodil jsem na procházky. Přičemž se mé chození často podobalo spíš běhu. I tady chodím pražskými ulicemi a uličkami jako netrénovaný, ale pořád ještě ctižádostivý běžec na dlouhé tratě. Ovšem můj běh někdo ustavičně přerušuje – lidé, kteří mě oslovují. Ptají se mě na cestu, žádají drobné na telefon, cigarety a jiné drogy, kolik je hodin atd. Zvláštní na tom je: Jinak cizí lidé na ulici nikdy neoslovují nikoho jiného. Přinejmenším, když já jsem v bezprostřední blízkosti. Kromě toho se na mě skoro bez výjimky obracejí v češtině. To je pro mě samozřejmě na jednu stranu čest. Na druhou stranu mě to však tím víc mate, nejen proto, že bohužel vůbec neumím česky (což se musí změnit), ale i proto, že se ptám, proč mě lidé evidentně identifikují jako Čecha, ne-li dokonce jako Pražana. Vždycky je mi to trochu líto, když je musím nakonec zklamat a ukázat se jako ten, kterým jsem. Nikdo z místních, ale Sas bez znalosti místního jazyka. Když jde o turisty, kteří máchají mapou a ptají se na cestu, ty mohu s klidným svědomím nasměrovat anglicky, i když sám sotva tuším, kam asi dojdou. Bohužel to ale nevyjde pokaždé. Cestující s orientačním smyslem se dají jen ztuha poslat do neznáma. Šelest té spousty slov je často podmanivý a mlčení pak tou lepší alternativou; protože v mlčení zřejmě spočívá více pochopení. Když jsem onehdy šel směrem na Malou Stranu po Mostě Legií, který je mi mnohem milejší než Karlův most s jeho mohutnými asociačními řetězci, narazil jsem na dodávku, která zablokovala chodník. Mezi autem a zábradlím na mostě zůstala úzká škvíra. Pode mnou, na Střeleckém ostrově, kvetly matně bíle kaštany a přede mnou se prodírala skulinou žena s kočárkem. Nejdřív jsem jí chtěl přispěchat na pomoc, ale v jejím pohledu jsem jasně zaznamenal vůli k sebeurčení. Nechal jsem ji na pokoji a díval se, jak ostrými hranami kočárku rozdírá lak na dveřích dodávky. Takhle to tedy taky jde, pomyslel jsem si, a když mě s kamenným pohledem míjela, šlehl jsem po ní stejně kamenným pohledem. Na malou chvíli jsem se teď opravdu tvářil jako místní. Ctižádostivý běžec na dlouhou trať ve mně rezignoval. Dýchalo se mi lehčeji a lehkými kroky jsem pokračoval ve své cestě, podél Hladové zdi a nahoru do kopce k Růžové zahradě.

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laufen atmen schweigen

Schon immer bin ich ein ausdauernder Spaziergänger gewesen. Wo ich mich auch aufhalte, gehe ich spazieren. Wobei mein Spazierengehen oftmals eher einem Laufen gleicht. So spaziere ich also durch die Prager Straßen und Gassen wie ein untrainierter, aber immer noch ehrgeiziger Langstreckenläufer. Jedoch wird mein Lauf immer wieder unterbrochen – von Menschen, die mich anreden. Ich werde nach dem Weg gefragt, nach Kleingeld zum Telefonieren, nach Zigaretten und anderen Drogen, nach der Uhrzeit etc. Das Verwunderliche ist: Niemand sonst wird jemals auf der Straße von fremden Menschen angesprochen. Zumindest nicht, wenn ich in unmittelbarer Nähe bin. Außerdem werde ich fast ausnahmslos auf Tschechisch adressiert. Das ehrt mich natürlich einerseits. Andererseits verwirrt es mich nur umso mehr, nicht nur, weil ich leider so gut wie gar kein Tschechisch verstehe (was sich ändern muss), sondern auch, weil ich mich frage, warum man mich offensichtlich als Tschechen, wenn nicht sogar als Prager identifiziert. Es tut mir immer ein bisschen leid, wenn ich die Leute dann enttäuschen und mich als den zu erkennen geben muss, der ich bin. Kein Einheimischer, sondern Sachse mit mangelnden Sprachkenntnissen. Wenn es sich um Touristen handelt, die mit der Karte wedelnd nach dem Weg fragen, kann ich ruhigen Gewissens auf Englisch eine Route anweisen, von der ich selber kaum ahne, wohin sie führen wird. Leider klappt das nicht immer. Die etwas navigationskundigeren Reisenden lassen sich nur mit Mühe in die Irre schicken. Der Rausch der vielen Worte ist oft müßig und Schweigen die bessere Alternative; weil im Schweigen vermutlich ein tieferes Verstehen liegt.

Als ich kürzlich über die most Legií, die mir sehr viel lieber ist als die Karlsbrücke mit ihren wuchtigen Assoziationsketten, in Richtung Kleinseite ging, blockierte ein Lieferwagen den Bürgersteig. Nur ein schmaler Durchlass blieb zwischen Automobil und Brückengeländer offen. Unter mir, auf der Střelecký Insel, blühten die Kastanien in einem etwas matten weiß, und vor mir zwängte sich eine Frau samt Kinderwagen durch die Lücke. Erst wollte ich ihr zu Hilfe eilen, doch in ihrem Blick erkannte ich deutlich den Willen zur Selbstbestimmung. Ich ließ sie in Ruhe und sah zu, wie sie mit den scharfkantigen Teilen des Kinderwagengestells den Lack von der Tür des Lieferwagens scheuerte. So geht es also auch, dachte ich, und warf ihr, die mit versteinerter Miene an mir vorüber ging, meine gleichermaßen versteinerte Miene zurück. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich nun tatsächlich wie ein Einheimischer. Der ehrgeizige Langstreckenläufer in mir nahm seinen Hut. Ich atmete leichter und mit leichteren Schritten setzte ich meinen Weg fort, den Hungerwall entlang und den Hügel hinauf zum Rosengarten.

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Mladý Jack Nicholson

Pokaždé, když otvírám dveře svého příbytku, připadám si trochu jako mladý Jack Nicholson ve filmu Shining, jak odemyká bránu prázdného hotelu, který má spravovat přes zimu. Nejdřív musím odstranit řetěz na mohutných ocelových mřížích, nadzvednout je a odsunout do strany, teprve pak můžu otevřít dřevěné křídlové dveře pokryté vrstvami bílého laku. Nicholson ve filmu hraje spisovatele, který si představuje, že v samotě sněhem zapadaného monstrózně prázdného hotelu bude schopen obzvlášť dobře psát. Vůbec není zapotřebí ten film vidět, aby člověku došlo, že taková představa je naivní. A ke konci filmu se Nicholson soustavně pokouší rozsekat svou rodinou sekyrou na takzvaně přehledné části, protože už mu všechno to spisování zoufale přerostlo přes hlavu. Ale třeba právě v tom udělal Nicholson chybu: přivlekl s sebou celou rodinu. Já jsem přijel sám. Nemám tedy nikoho, koho bych mohl bez okolků rozsekat. Místo toho mám dostatek místa. Lobby, ze kterého se vchází do všech ostatních pokojů, má odhadem 80 metrů čtverečních, je bez oken a v módních barvách Československa kolem roku 1970. Přijde mi to příjemné a občas si představuji, jak zničehonic, když si to v noci rázuju chodbami, sedí kolem nízkého hnědého konferenčního stolku samí čeští disidenti, na nízké hnědé sedačce, a vedle ní se jako pořádný barevný flek opírá o zeď umělá zelená palma. Diskutují pořád dokola o možnostech rozbití i záchrany reálného socialismu a přitom kouří jednu od druhé. Nepřerušoval bych jejich diskusi, nevysvětloval bych jim panující poměry, oni by se pozvolna rozplynuli v cigaretovém kouři a tiše by se usmívali. Zatím mě ale takové setkání nepotkalo, což je možná docela dobře. Protože tak, přinejmenším prozatím, neexistuje nebezpečí, že popíšu nespočet listů papíru dvojslabičnými slovy jako „redrum“. Ale občas, když je uprostřed noci úplné ticho a i úklidové čety na ulicích mají po směně, přece jen usilovně poslouchám, jestli nic nelomcuje mohutnými ocelovými mřížemi, které zahrazují dveře k mému příbytku.

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Jedes Mal, wenn ich die Tür zu meiner Unterkunft aufschließe, komme ich mir ein bißchen vor wie der junge Jack Nicholson in Shining, der die Pforte des leerstehenden Hotels aufschließt, das er über den Winter zu verwalten hat. Ich muss zuerst ein wuchtiges Stahlgitter entketten und zur Seite hieven, bevor ich die mit dicken Schichten weißen Lacks belegte Holzflügeltür öffnen kann. Nicholson spielt im Film einen Schriftsteller, der sich vorstellt, in der Einöde eines zugeschneiten monströs-leeren Hotels besonders gut schreiben zu können. Man muss den Film gar nicht gesehen haben, um zu wissen, dass das eine naive Vorstellung ist. Und konsequenter Weise versucht Nicholson am Ende des Films, seine Familie mit dem Spaltbeil in sozusagen überschaubare Teile zu zerlegen, da ihm das große Ganze seines schriftstellerischen Tuns schon heillos über den Kopf gewachsen ist. Vielleicht war aber genau das Nicholsons Fehler: Seine Familie mitzuschleppen. Ich bin allein angereist. Ich habe also niemanden, den ich kurzerhand zerhacken könnte. Stattdessen habe ich genügend Platz. Die Lobby meiner Unterkunft, von der alle anderen Zimmer abgehen, ist schätzungsweise 80qm groß, fensterlos und in den Modefarben der Tschechoslowakei um 1970 gehalten. Ich finde das angenehm und stelle mir manchmal vor, es würden plötzlich, wenn ich nachts durch meine Gemächer streife, lauter tschechische Dissidenten an dem flachen braunen Couchtisch sitzen, auf dem flachen braunen Sofa, neben dem, als wackerer Farbfleck, eine grüne Kunststoffpalme an der Wand lehnt. Sie würden noch immer die Möglichkeiten der Zerschlagung und der Rettung des real existierenden Sozialismus diskutieren und dabei unzählige Zigaretten rauchen. Ich würde sie in ihrer Diskussion nicht unterbrechen, ich würde sie nicht über die herrschenden Zustände aufklären und langsam würden sie sich im Zigarettenrauch auflösen und leise lächeln. Indes ist mir solch eine Begegnung noch nicht vorgekommen, was vielleicht ganz gut ist. Denn so besteht, zumindest vorerst, nicht die Gefahr, dass ich unzählige Blätter Papiers mit zweisilbigen Wörtern wie „Redrum“ vollschreibe. Aber ab und zu, wenn es mitten in der Nacht ganz still ist und auch die Straßenreinigung ihre Arbeit erledigt hat, höre ich doch genauer hin, ob nicht etwas rüttelt an dem wuchtigen Stahlgitter, das die Tür zu meiner Unterkunft versperrt.

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