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Archive for the ‘Michael Schneider’ Category

Prager Tagebuch 4

Di, 25.11.08

Magische Lesung aus meinem historischen Schelmenroman „Das Geheimnis des Cagliostro“ im ehemaligen Weinkeller des Literaturcafés Řetězová. Ich garniere meine Lesung mit kleinen magischen Einlagen, was gut zum Charakter meines Protagonisten passt, der ja in seiner Epoche als Hochstapler und Scharlatan, Magus und Heilkünstler, Logenfürst und Freimaurer Furore gemacht hat. Einen zaubernden Literaten und literarischen Zauberer hat man, wie ich den erstaunten und amüsierten Mienen meiner Zuschauer entnehme, hier noch nicht erlebt.

Gegen drei Uhr morgens werden B. und ich durch lautes Gerumpel und Getöse aus dem Schlaf gerissen. Ich kenne das schon: das ist die Müllabfuhr, die hier nur des Nachts aktiv werden kann, weil tagsüber die Gassen von Touristen so voll gestopft sind, dass kein Müllwagen passieren könnte. Als wir ans Fenster treten, bietet sich uns ein ebenso skuriles wie anrührendes Schauspiel: Zwei in dicken Jacken verpackte, gebeugte Menschen, ein Männlein und ein Weiblein, mit Schäufelchen und Besen in der Hand, trotten hinter dem Müllwagen her, um mit völlig automatisierten Bewegungen unsichtbare Rückstände auf die Schaufel zu kehren. Prags Altstadt wird – für den Tourismus — sehr, sehr sauber gehalten, darum sieht man, auch tagsüber, überall uniformierte Putzleute, meist handelt es sich um ältere Frauen, ihre Reinigungswägelchen über das Pflaster schieben.

 

Mi, 26.11.08

Treffen mit Jiří Dědeček, dem Vorsitzenden des tschechischen PEN-Clubs im Café Slavia. Er ist vor allem als Texter und Sänger von Chansons in Tschechien bekannt, schreibt aber auch Prosatexte und hat vor einem Jahr seinen ersten Roman publiziert. Da er lange in Frankreich gelebt hat und fließend Französisch spricht, können wir uns gut miteinander verständigen.

Jiří erzählt von den Schwierigkeiten der Dissidenz unter den Bedingungen der kommunistischen Diktatur; wie er und andere literarische Dissidenten, die der Charta 77 angehörten und nicht mehr publizieren durften, sich geistig und materiell über Wasser gehalten haben; wie sie in kleinen Cafés, Underground-Clubs, Kellertheatern etc. ihre Texte vorgelesen oder in Szene gesetzt und sich auch gegenseitig unterstützt und geholfen haben. Nur wenige Dissidenten wie Václav Havel hatten das Glück, während dieser Epoche im Ausland gespielt oder publiziert zu werden. Was Jiří Dědeček selbst damals an Unterstützung, Zuspruch und Ermunterung erhalten hat, versucht er nun, in seiner Funktion als PEN-Vorsitzender, an andere Autor/innen, die aus politischen Gründen verfolgt werden und sich in Not befinden, weiterzugeben.

Ich frage ihn, ob er mit den Ergebnissen der „samtenen Revolution“ zufrieden ist oder ob es Entwicklungen gibt, die er auch bedauert. Gewisse Auswüchse des neoliberalen Kapitalismus, wie sie auch in Tschechien sichtbar würden, bedaure er schon, erwidert Dědeček, der heute die tschechischen Grünen wählt: etwa das wachsende Gefälle zwischen Reich und Arm, viele Tschechen müssen heute zwei oder sogar drei Jobs nachgehen, um sich und ihre Familien über die Runden zu bringen, dann die hohe Arbeitslosigkeit in gewissen Provinzen. Auch sei es für viele seiner Landsleute schwer erträglich, dass sich die neureichen Russen, im Volksmund die „russische Maffia“ genannt, hier ungehindert einkaufen könnten. Das Palladium zum Beispiel, dieser gigantische Konsumtempel am Platz der Republik, gehöre zu 100 Prozent den Russen. Ebenso Karlsbad, das sich komplett in russischer Hand befinde.

Welch Ironie der Geschichte! 1968 sind die Sowjets mit ihren Panzern einmarschiert, jetzt marschierten die neureichen Russen mit ihrem Geld ein!

Mittags Fahrt nach Olmütz, wo Lucie und Birgit Gunsenheimer, Dozentin der Germanistische Fakultät, eine Lesung für mich organisiert haben. Vorher führt sie mich durch die Altstadt, die mit ihren alten Rennaissance- und Barockhäusern, ihren großen Plätzen, Barockkirchen und Laubengängen wie ein kleines Prag (ohne Moldau und Hradschin) wirkt. Im Unterschied zum berühmten Uhrturm am Rathaus des Altstädter Rings präsentiert der (im Krieg beschädigte und nach 1948 im Stile des Sozialistischen Realismus wieder aufgebaute) Uhrturm des Olmützer Rathauses dem Betrachter allerdings keine zwölf Apostel, sondern zu jeden vollen Stunde zwölf Vertreter der werktätigen Klassen, Handwerker mit Hammer und Säge, Fischer mit Netzen, Bergleute mit Spitzhacke und Schaufel etc. — eine bemerkenswerte historische Wachablösung, die freilich auch schon wieder überholt ist. Statt ihrer müssten heute die Zwölf Heiligen Banker, vorneweg Josef Ackermann von der Deutschen Bank, zu jeder vollen Stunde aus dem Uhrturm heraustreten und mit huldvollen Gebärden die geschröpfte Kundschaft begrüßen.

Sehr eindrucksvoll sind die beiden Pestsäulen auf den beiden zentralen Plätzen der Altstadt, dem Horní náměstí, wo viel Volks sich um den Weihnachtsmarkt schart, und dem Dolní náměstí. Meine Begleiterin zeigt mir auch das Haus, in dem Wolfgang Amadeus Mozart einen Teil seiner Kindheit verbrachte und seine 1. Sinfonie komponiert haben soll.

Obwohl sie hier nur ein Achtel dessen verdient, was sie in Deutschland verdienen würde, fühlt sie sich in Olmütz und in Tschechien sehr wohl. Die Menschen hier seien sehr freundlich, kommunikativ und gesellig, Konsum und Statussymbole spielten nicht entfernt die Rolle wie bei uns, umso so mehr lege man Wert auf menschlichen Beziehungen, Freundschaften und die Pflege der Kultur – eine Erfahrung, die auch ich während meines Prager Aufenthaltes gemacht habe.

Nach der Lesung laden die drei Dozentinnen der germanistischen Fakultät mich und Dr. olzapfHolzapfelHHartmut Holzapfel, den ehemaligen hessischen Bildungsminister und Vorsitzenden des Hess. Literaturrates, der sich sehr für den deutsch-tschechischen Kulturaustausch engagiert, zum Essen ein.

 

Do, 27.11.08

Fahrt zurück nach Prag.

Abends Besuch des Black & Light-Theaters am Národní, im Souterrain des Café Louvre. Unter den vielen touristischen Black &Light-Theatern, die es in Prag gibt, war mir dieses empfohlen worden, weil es noch nach den originalen Vorstellungen seiner Erfinder arbeite. Und unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Es war ganz zauberhaft, wie die leibhaftigen Schauspieler auf der Bühne von der ein magisches Eigenleben führenden Dingwelt um sie herum ständig herausgefordert, gefoppt und aufs Glatteis geführt wurden. Besonders faszinierte mich die Solonummer einer jungen zaubernden Fee, die Zauberstäbe, Reifen, Bälle und Hüte mit einer Leichtigkeit schweben und um ihren Körper tanzen ließ, als hielte sie diese an unsichtbaren Fäden. Dabei wanderten die betreffenden Requisiten auf unmerkliche Weise von ihren sichtbaren Händen in die ihrer unsichtbaren, weil ganz in Schwarz gekleideten Helfer und Mitspieler. Aber dieser Wechsel ist so sauber einstudiert und wird durch das Black & Light-Prinzip so perfekt verhüllt, dass man ihn auch auf kürzeste Distanz- wir saßen in der ersten Reihe- nicht bemerkt. Und mit wie einfachen Mitteln etwa ein galoppierendes Pferd dargestellt wird- nämlich durch ein mehrfach ineinander geschlungenes und verknotetes weißes Laken, in das sich einer der unsichtbaren Mitspieler gewickelt hatte, der das Maul des Pferdes auf – und zuschnappen ließ, während andere unsichtbare Helfer zugleich die vier Pferdehufe im Takt des Galopps auf- und abbewegten.

Wir freuten uns wie die Kinder über diese fabelhafte Mischung aus hochartistischer und gleichzeitig naiver Darstellungskunst, aus Ballet, Zauberei und optischer Täuschung. Entsprechend herzlich war der Applaus für das 7köpfige Team.

 

Fr und Sa, 28. und 29.11.08

Vier Augen sehen mehr als zwei. Und da B. als bildende Künstlerin eine sehr ausgeprägte visuelle Wahrnehmung hat, sehe ich Prag auch wieder mit neuen Augen.

Schon am ersten Tag ihres Hierseins hat sie das sonderbare Emblem, das das Cover ihres Reiseführers ziert, eine sich ringelnde goldene Schlange auf blauem Grund, an einem Eckhaus der Liliová, unweit unseres Domizil, entdeckt. (Mir war es entgangen) Dann fiel ihr auf, dass alle Sitzbänke an den großen Boulevards, der Moldauuferstraße und der Parks auf schmiedeeisernen Stützen ruhen, die die Gestalt einer in sich gekrümmten Schlange haben. Man sitzt also in Prag buchstäblich auf der Schlange – fragt sich nur auf welcher: auf der Schlange der Versuchung und der Rebellion oder auf der Schlange der Erkenntnis? Ich entscheide mich für beide Symbole: denn es gibt keine Erkenntnis ohne Rebellion, keine Weisheit ohne Versuchung.

Auch stach B. sofort die Skulptur eines Mannes in die Augen, der auf den ersten Blick wie ein Selbstmörder wirkt: mit ausgestrecktem Arm hängt er an einem Seil, das zwischen zwei Häuser bzw. Dachfirsten der Liliová gespannt ist; der Mann hängt buchstäblich in der Luft. Wie wir später erfahren, handelt es sich um eine Skulptur von David Černý, die den originellen Titel trägt: „Die Verzweiflung des Intellektuellen am Ende des 20 Jahrhunderts.“ , Černý will mit seinen provokativen Skulpturen- von ihm stammt auch das von der Decke der Laterne-Passage hängende Reiterstandbild mit dem nach unten hängenden Pferd — die Prager und ihre traditionelle Heiligenvergötzung, einschließlich der Verehrung des Stadtheiligen Wenzel, aufs Korn nehmen.

Als ich B. die makabre Skulpturengruppe auf der Treppe am Fuße des Petřín- Hügels zeige, die den Opfern der kommunistischen Totalitarismus gewidmet ist, ist sie sehr beeindruckt – und korrigiert sogleich meine Deutung, die auf einer Fehlwahrnehmung basierte: Erst jetzt erkenne ich nämlich, dass es sich bei den verschiedenen Bronze-Skulpturen, deren Körper, von Skulptur zu Skulptur fortschreitend immer weiter demontiert werden, immer um die gleiche Gestalt handelt: Dass also das ganze Skulpturen- Ensemble auf ebenso gespenstische wie eindrückliche Weise die fortschreitende Demontage eines Menschen, des Menschen zum Ausdruck bringt.

Lucie zeigt Hartmut Holzapfel, Ex-Botschafter Černý, Veronika, B. und mir das künftige Domizil des Prager Literaturhauses in der Ječná-Straβe.Während wir die noch leeren und renovierungsbedürftigen Räume durchstreifen, die bis vor kurzem einer Anwaltskanzlei gehörten, schmiedet sie schon Pläne für die Zukunft: wo die Lesungen und Veranstaltungen stattfinden sollen, wo die Bibliothek hinkommen, wo das Büro der Chefin und wo die Wohnung für den jeweiligen Stipendiaten liegen wird.

Beim anschließenden Abschiedsessen und Umtrunk stoßen wir auf die Zukunft des Prager Literaturhauses an! Wenn „Ahoi!“ im Tschechischen nicht „Hallo!“ hieße, würde ich dem kleinen deutsch-tschechischen Literatur- Zweimaster und seiner kleinen tapferen Mannschaft bei seinem ersten Stapellauf ein kräftiges „Ahoi!“ zurufen. Stattdessen rufe ich denn:

„Bella Ciao! – Lucie!

Bella Cioa –Veronika!

Bella Ciao – Herr Cerny!

Bella Ciao – Praha!“

Und bedanke mich nochmals herzlich für eure liebenswürdige Fürsorge und Gastfreundschaft, für das schöne Loft nahe der Karlsbrücke, für die guten Gespräche und die vielen praktischen Tips und kulturellen Anregungen, die mir diesen Aufenthalt in der „Goldenen Stadt“ zu einem sehr angenehmen und unvergesslichen Erlebnis machten.

Reklamy

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Prager Tagebuch 3

Fr. 14.11.08

Abends

Mozarts „Don Giovanni“ in dem Theater erlebt, in dem es 1787 uraufgeführt wurde: in dem wunderschönen Prager Ständetheater, in dem auch Milos Forman die wichtigen Musikszenen seines Filmes „Amadeus“ performen ließ. Ich saß in der Mitte der 2. Galerie mit vorzüglichem Blick auf die Bühne. Die Akustik war sagenhaft, die Inszenierung zwar recht traditionell, aber stilgerecht und passend zum Ambiente dieses alten und berühmten Hauses. Die Stimmen waren exzellent. Vor allem die Arien der Donna Anna gingen mir unter die Haut, diese in Musik gegossene große Wehklage der um ihren Vater trauernden Frau, den Don Giovanni ermordet hat. Es gibt überhaupt hinreißende, alle Gefühlstiefen auslotende Arien und Passagen in diesem Werk, auch fabelhafte Sextette; es war ja auch ein spätes und reifes Werk Mozarts, in dem er sein eigenes Vatertrauma in der Gestalt des Komtur, der alle Schrecken eines strafenden Über-Ichs verkörpert, musikalisch verarbeitet hat.

Mit Blick auf das Orchester und den Dirigenten musste ich oft auch an meinen Vater denken, sah ihn in seiner kerzengeraden Haltung mit seinen dirigierenden Händen geradezu vor mir, hatte auch eines meiner frühen Kinderbilder wieder vor Augen: wie der dirigierende Vater hoch oben auf dem Orchesterpodest steht und unten im Parkett sitzt das Publikum; ich habe damals wohl an die 50 Köpfe gezeichnet, um den Saal voll zukriegen und damit den „Ruhm meines Papas“ auszudrücken.

 

So, 16.11.08

Das Prager Literaturhaus veranstaltete im Café Krásný ztráty eine Lesung neu entdeckter Texte aus Theresienstadt. Frau Lisa Peschel hat diese Texte, die sie in jahrelanger Recherche zusammengetragen hat, jetzt in einem Buch veröffentlicht. Sie berichtete über die erstaunlichen und heroischen Versuche der Mitglieder der jüdischen Selbstverwaltung, im Ghetto, unter der täglichen Bedrohung durch Hunger, Tod und Deportation, noch einen Schulbetrieb für die Kinder und Jugendlichen und eine Art Kulturleben aufrechtzuerhalten. Da Theresienstadt ja ein Vorzeige-Ghetto der Nazis war, haben diese das jüdische Kulturleben bis zu einem gewissen Grade sogar gefördert. Viele inhaftierte Künstler, Pädagogen, Ärzte etc. haben, im Wissen oder in der Ahnung ihrer baldigen Auslöschung, es noch verstanden, den Ghetto-Bewohnern via Kultur einen Hauch von Würde und Hoffnung zu vermitteln. Besonders das Ehepaar Strauss — Leo Strauss war ein bekannter Wiener Theatermacher — hat viele Theateraufführungen organisiert, die auch in den Alten- und Siechenblocks aufgeführt wurden, oft gaben sie zwei Vorstellungen pro Tag. Sogar Komödien und kabarettistische Texte — u.a. von dem bekannten Wiener Kabarettisten Hans Hofer –, wurden in Theresienstadt aufgeführt. Auch etliche literarische und lyrische Texte sind hier, im Angesicht der Vernichtung, entstanden. U.a. ein Gedichtzyklus von Georg Kafka (einem weitläufigen Verwandten Franz Kafkas) mit dem Titel „Der Tod des Orpheus“– eine sehr melancholischer Zyklus, der im Ton an R.M. Rilke und Paul Celan erinnert.

 

Mo, 17.11.08

Da ich eine fürchterliche Erkältung habe und kaum durch die Nase atmen kann, beschließe ich, den Tag zu Hause zu verbringen.

Ich komplettiere und korrigiere die ersten beiden Teile meines Prager Tagebuchs für die Internetseite des Prager Literaturforums.

 

Di und Mi, 18. und 19.11.08

Die letzten beiden Tage bzw. Nachmittage waren der Besichtigung des Hradschins gewidmet.

Sehr eindrucksvoll die Ausstellung, wo alte und neuere Bildwerke aus der Sammlung Rudolf II. gezeigt werden, Werke von berühmten niederländischen, deutschen und italienischen Meistern, u.a. von Cranach dem Älteren, Veronese, Tizian, Hans von Achen. Lange stehe ich vor dessen Gemälde „Aktäus und Diana“, das einen sehr erotischen weiblichen Akt und den dazugehörigen männlichen Voyeur darstellt -. von A- nach einem bekannten Motiv aus Ovids „Metamorphosen“: Aktäus verfolgt die schöne Diana und ertappt sie und ihre beiden Begleiterinnen beim Baden in einer Quelle. Zur Strafe für seinen ungebührlichen Voyerismus verwandelt die Göttin mit dem appetitlichen Busen den aufdringlichen Kerl in einen Hirsch. Dieser Moment ist im Bildnis festgehalten, Aktäus erhält aber nur, damit man auch sieht, dass er ursprünglich ein Mann war, ein Hirschgeweih, d.h. Hörner aufgesetzt. Das ergibt eine schöne Doppeldeutigkeit…

Überhaupt ist es immer wieder erstaunlich und amüsant zu sehen, wie die alten Meister die Tabus der christlichen Moral umgangen haben und unter dem untadeligen Vorwand antiker oder biblischer Motive herrliche Akte geschaffen haben. Bemerkenswert ist eine Darstellung des Jüngsten Gerichtes von einem alten holländischen Meister, ein Breitwandgemälde im Stile Breughels, bei dem die armen Männlein und Weiblein, die von den Teufeln gepeinigt werden, in den aufreizendsten und wollüstigsten Posen gezeigt werden, sodass man, wenn man sich die Teufel oder mindestens deren Hörner und Spieße wegdenkt, meinen könnte, hier fände eine veritable Massenorgie statt.

Der Veitsdom, diese Perle böhmischer Parler-Gotik, ist eine Wucht. Sehr schön auch das von Alfons Mucha geschaffene Jugendstilfenster (das Dritte, vom Eingangsportal her gesehen) Die Wenzels-Kapelle mit den berühmten Wandmalereien war leider gesperrt, nur von jenseits der Absperrung war auf diese ein Blick zu werfen. Sehr eindrucksvoll auch die St. Georgs-Basilika, die wohl früheste Kloster-Basilika in Böhmen überhaupt.

Und weiter ging’ s zum Königspalast mit der böhmischen Kanzlei, wo es 1618 zu dem berühmten Fenstersturz kam, der den Dreißigjährigen Krieg auslöste. Sehr beeindruckend der 62 Meter lange Vladislav-Saal mit dem gotisches Netz- und Sternengewölbe. Welch ein Wunder der Statik und Bautechnik, ein so leicht und zierlich wirkendes Gewölbe zu schaffen, das die Last der Decke vor allem auf die Wandpfeiler umlenkt!

Der Rundgang schließt ab mit dem „Goldenen Gässchen“, das ursprünglich ein Wehrgang entlang der Burgmauern war , in dessen Bögen kleine Häuschen eingelassen waren, die Rudolf II. seinen Bogenschützen zur Verfügung stellte. Heute enthalten diese vor allem Souvenirläden. äuschenHäuscIm Haus Nr. 22, das seiner Lieblingsschwester Ottla gehörte, arbeitete zeitweilig Franz Kafka. Hier entstand u.a. „Ein Bericht für eine Akademie“ und „Der Landarzt“.

Der Daliborka-Turm, der zur Nordbefestigung der Burg gehört und bis zu den Josefinischen Reformen als Kerker diente, regt natürlich die Fantasie des Verfassers historischer Romane an. Hier sind die Marterwerkzeuge ausgestellt, u.a. die Daumenschraube, das Halseisen, der Spanische Schuh und die Streckbank, und wird an die Schicksale prominenter Gefangener erinnert. Benannt ist der Turm nach dem Ritter Dalibor von Kozojedy, der 1498 ins Verließ geworfen wurde, weil er die aufständischen Leibeigenen eines Gutsnachbarn unterstützt hatte. Ein mir sehr sympathischer Gesell! Die Sage erzählt, der Ritter habe im Kerker das Geigenspiel erlernt und bald sein Instrument so vollendet beherrscht, dass sich abends die Prager Bürger unter dem Turm versammelten, um den süß-wehmütigen Klängen des Inhaftierten zu lauschen. Eines Tages aber war die Geige verstummt. Das Richtschwert des Henkers hatte den Kopf des Virtuosen vom Rumpfe getrennt. Aus Gründen der Staatsräson schien es den Gerichtsherren angebracht, einen Sympathisanten des Aufruhrs exemplarisch zu bestrafen. In Smetanas Oper Dalibor fand das Schicksal dieses Gefangenen eine romantische Verklärung. Das angebliche Geigenspiel des Ritters hatte in der Tat einen ganz anderen Hintergrund: Geige nannte man nämlich damals auch ein Folterinstrument, das einer Geige ähnlich sah. Mit diesem hat man den armen Ritter wohl solange traktiert, bis er zu vor Qual und Schmerz zu singen anfing.

Auch das Schicksal einer der wenigen, im Daliborka-Kerker eingesperrten Frauen wäre eines Opern-Librettos würdig gewesen: Eine junge Adelige namens Katherina wird zur Heirat mit einem sehr viel älteren adeligen Herrn gezwungen. Dieser behandelt sie schlecht, schlägt sie und demütigt sie, wo er nur kann, bis Katherina ihren patriarchalischen Quälgeist bei einem inszenierten Raubüberfall umbringen lässt. Sie wird zur verschärften Kerkerhaft verurteilt. Die Kerkerzellen in den Ausbuchtungen der 3 Meter dicken Wände sind so klein, dass man darin weder stehen noch ausgestreckt liegen kann. Als Katherina nach vierjähriger Kerkerhaft schließlich schwer erkrankt und Anzeichen geistiger Umnachtung zeigt, wird sie in den alten Stadtturm am Altstädter Ring gesperrt. Zeitzeugen berichten, dass die arme Frau immer vor dem vergittertenTurmfenster gestanden und wie eine Wahnsinnige geschrieen habe…

Ich bin immer dankbar, wenn ich bei einem Gang durch alte Paläste und Epochen auf solche konkreten menschlichen Schicksale stoße, die zeigen, wie die Menschen damals gelebt und geliebt, was sie erhofft und gelitten, und wie die damals herrschenden Eliten z.B. den Strafvollzug betrieben haben. Andernfalls läuft man Gefahr, wie es eine Tendenz bei fast allen, für den Massentourismus aufbereiteten Besichtigungen ist, Geschichtsschreibung aus der Herrscher-Perspektive, d.h. ein verklärtes Bild der jeweiligen Epoche serviert zu bekommen.

 

Do, 20.11.08

Fahrt nach Theresienstadt, das ca. eine Busstunde von Prag entfernt ist. Es ist ein trüber, regnerischer und sehr windiger Tag. Nach einer dreiviertel Stunde verlässt der Bus die Autobahn, wir fahren durch armselige Dörfer, vorbei an grauen, meist einstöckigen äuschenHäöäuschen mit abgeblätterten Fassaden, Scheunen mit rostigen Wellblechdächern, toten Fabrikgeländen, kaum geschotterten Wegen. Dahinter eine Hügelkette mit auffälligen Kegeln. Gegen diese tristen Flecken und Dörfer mit ihren ärmlichen Behausungen wirkt die Einfahrt in die, von einer mächtigen Festungsmauer umgebenen, ehemalige Garnisonsstadt Theresienstadt mit ihren breiten gepflasterten Strassen, den großen Parks und hohen Kasernen, deren Fassaden in Gelb, Ocker oder Rot gestrichen sind, geradezu freundlich und aufmunternd- jedenfalls assoziiert man dieses großflächig angelegte Stadtbild nicht mit der Enge und Trostlosigkeit eines Ghettos oder Konzentrationslagers.

Erst wenn man weiß, dass Theresienstadt ursprünglich 7000 Einwohner fasste – die meisten davon Tschechen, die von den Nazis zwangsevakuiert worden waren-, und dann ab 1942 eine durchschnittliche Belegung von ca. 55 000 deportierten Juden hatte, kann man sich die drangvolle Enge vorstellen, die in diesem sog. Transit- und Durchgangslager herrschte, in das ungefähr 140 000 Männer, Frauen und Kinder aus Böhmen, Mähren, Deutschland, Österreich, Holland, Dänemark, der Slowakei und Ungarn deportiert worden waren. Während der letzten Kriegstage trafen aus den KZs, die wegen der vorrückenden sowjetischen Front auf polnischem und deutschem Gebiet geräumt wurden, noch mehr als 15 000 weitere Häftlinge ein, die in der erdrückenden Mehrzahl schwer krank waren oder sich am Rande völliger Erschöpfung befanden. Viele älHHäftlinge kamen schon tot in Theresienstadt an, andere starben massenhaft nach dem Eintreffen. Mit ihnen wurde auch eine Typhusepidemie ins Lager eingeschleppt, die noch in den ersten Wochen nach der Befreiung viele Opfer forderte. Die von einem Festungsgürtel umgebene Stadt machte es den Nazis leicht, das Ghetto zu bewachen: 10 schwer bewaffnete SS-Männer und 100 tschechische Wachsoldaten reichten dafür aus. Eigentlich erstaunlich, dass es keinen Versuch gegeben hat, die – im Verhältnis zu den Häftlingszahlen verschwindend kleine- Wachmannschaft zu überwältigen und zu fliehen! Doch selbst wenn den Häftlingen die Flucht gelungen wäre, wohin hätten sie sich wenden sollen? Auch bei den Tschechen war der Antisemitismus weit verbreitet; in ganz Tschechien sind während des 2. Weltkrieges weniger Juden versteckt worden als in Berlin.

 Das KZ Theresienstadt erfüllte für die Nazis dreierlei Funktionen: es diente dem Transit, der Dezimierung und der Propaganda als „Vorzeige-Ghetto“. Alle Juden über 65, Träger von Weltkriegsauszeichnungen und Prominente aller Art wurden hier konzentriert und mussten für dieses „Privileg“ auch noch zahlen. Nach Hitlers Überfall auf Dänemark hat das Internationale Rote Kreuz das „Vorzeige-Ghetto“ in Augenschein genommen und, nachdem es einer hier aufgeführten Kinder-Oper beigewohnt, die Zustände im Ghetto für „menschenwürdig“ befunden, zumal es eine jüdische Selbstverwaltung gab. Dass allein ein Viertel der Gefangenen in Theresienstadt starben – an Entkräftung, Unterernährung, Hunger und Epidemien- davor verschloss das IRK die Augen.

Die ehemalige Schule des KZs dient heute als Ghettomuseum. Im ersten Raum hängen riesige Wandtafeln mit den eingravierten Namen der 15 000 Kinder, die nach Theresienstadt deportiert wurden. 7500 von diesen Kindern wurden in Auschwitz vergast. Während ich die endlosen Namenskolonnen dieser deportierten und ermordeten Kinder überfliege, erfasst mich- wie schon bei früheren KZ-Besuchen- wieder jenes namenlose Entsetzen, das sich mit einem ätzenden Gefühl der Scham verbindet- der Scham, jenem Volke anzugehören, das solche unfassbaren Verbrechen begehen und zulassen konnte. Obwohl ich mich viele Jahre mit der NS- Vergangenheit, den Nazi-Verbrechen und dem Holocaust beschäftigt, zahllose Bücher darüber gelesen, zahllose Dokumentationen gesehen, auch selbst etliche Aufsätze und Bücher zu diesen Themen publiziert habe, stehe ich doch immer wieder fassungslos vor den Zeugnissen dieser von Deutschen begangenen Verbrechen.

Diese Kinder haben zum Teil ergreifende Zeichnungen und Aquarelle hinterlassen, die hier ausgestellt werden- Zeichnungen, die den Ghettoalltag aus kindlicher Sicht darstellen, aber auch die Erlebnisse der Kinder vor ihrer Deportation, ihre Träume und Sehnsüchte – Schlittenfahrten und Laternenumzüge der Kleinen in einer Winterlandschaft, die Familie beim Urlaub an einem Ostseestrand, etc. Das Gedicht eines Jungen namens Frantisek Bass, der mit 14 Jahren nach Auschwitz kam, rührt mich besonders:

 

Das kleine Rosengärtlein

Duftet heut so sehr

Es geht auf schmalem Wege

Ein Knabe hin und her

Ein Knäblein, ach so schön und hold

Ein Knösplein, das grad blühen wollt’

Erblüht einmal das Knösplein klein

So wird das Knäblein nicht mehr sein.

 

Auch wenn den deportierten Juden eingeredet wurde, dass sie nach Osten umgesiedelt werden und die allermeisten das auch glauben wollten- dieser Knabe ahnte, was ihm und den Seinen bevorstand. Von den 87 000 von Theresienstadt nach Auschwitz u.a. Vernichtungslager deportierten Juden haben nur 3600 die Befreiung erlebt.

In der Magdeburger Kaserne, dem Sitz des Ältestenrates und der ehemaligen jüdischen Selbstverwaltung ist ein Begegnungszentrum und ein Dachbodentheater untergebracht. Man kann auch die Replik einer Massenunterkunft aus der Zeit des Ghettos besichtigen. Lückenlose Reihen von Doppelstockbetten, auf denen eine Brille, ein Schachbrett, ein aufgeschlagenes Buch oder ein Kleidungsstück liegt, als seien die Bewohner nur mal kurz weg, um gleich wiederzukommen. Überm Kopfende mancher Betten sind kleine Regalbretter genagelt, auf denen die notdürftigsten Hygieneartikel, Schälchen mit Kernseife, kleine Tiegel und Tassen stehen; neben den Bettgestellen die bis unter die Decke gestapelten Koffer der Deportierten. 1,65 Quadratmeter standen pro Häftling im Durchschnitt zur Verfügung und für 60-80 Häftlinge nur ein einzige Abort. Die qualvolle Enge und die katastrophalen hygienischen Verhältnisse, nicht zuletzt auch der ständige Wassermangel beförderten die Ausbreitung von Epidemien, von Ruhr, Flecktyphus, Diarrhöe. Dazu kam das völlige Fehlen einer Privatsphäre und der nicht enden wollende Kampf der Häftlinge gegen das Ungeziefer, gegen Läuse und Flöhe.

Eine Ausstellung gibt Einblick in das staunenswerte Kulturleben in Theresienstadt. Besonders beeindrucken mich die hier entstandenen bildnerischen Werke; bedrückende, teils realistische, teils expressionistische Kohlestiftzeichnungen und Aquarelle von Otto Ungar und Bedrich Fritta alias Fritz Taussig über den Lageralltag. Ungar und Taussig wurden wegen „Greuelpropaganda“ verurteilt und kamen, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurden, mit ihren Familien in die sog. „Festung“, wo die Gestapo ihr grausames Regime installiert hatte.

Ein ganzer Saal ist dem Musikleben in Theresienstadt gewidmet; die liebevoll per Hand gezeichneten Ankündigungsplakate und Programmzettel , u.a. von Bizets „Carmen“, vermitteln fast den Eindruck eines „normalen“ Kulturlebens. Höhepunkt des Musiklebens im Ghetto, das vor allem die Komponisten, Dirigenten und Pianisten Karel Reiner, Karel Fleischmann und Schächter aufrechterhielten, war die Aufführung von Verdis „Requiem“, von Schächter mit großem Chor und Orchester einstudiert. „Ich lebe, solange ich kulturell tätig bin“, war die Losung der vielen Kulturschaffenden, die im Rahmen der jüdischen Selbstverwaltung des Ghettos tätig waren.

 

Sa., 22.11.08

Am späten Nachmittag hole ich B. vom Bahnhof Praha-Holešovice ab. Wir freuen uns sehr über unser Wiedersehen und haben uns viel zu erzählen. Ich habe für uns etwas Feines gekocht. Nach dem Abendessen machen wir einen Bummel durch die nächtliche Altstadt. Der plötzliche Kälteeinbruch geht mit Nieselregen und gelegentlichem Schneefall einher. Die alten Bürgerhäuser am Altstädter Ring im diesig-nebligem Licht der Straßenlaternen wirken wie verwandelt; es ist, als spazierten wir durch ein böhmisches Wintermärchen.

Das setzt sich fort in unserer heimischen Liebeshöhle bis in den frühen Morgen. Denn wir haben einiges nachzuholen – an Erzählungen, Gesprächen und Zärtlichkeiten.

 

Heiße Liebe

‚Ich geh mal Kaffee holen’,

sagt er, da drückt sie verstohlen

ihre morgenheißen Lippen

auf seine magren Rippen:

‚Entscheide, Liebster, dich!

Willst du heißen Kaffee – oder mich?’

Der Kaffee wurde wieder einmal kalt

So ist das mit der Liebe halt.

 

So und Mo, 23. und 24.11.08

B. und ich besuchen das zweitägige Symposium des Prager Literaturhauses „Prag. Eine geteilte Geschichte.1930-1948“ in der Stadtbibliothek. In der Abendveranstaltung wird ein literarisches Mosaik aus Texten deutschsprachiger Prager Autoren vorgestellt, die meistenteils vergessen sind; u.a. von Paul Leppin, Max Brod, Peter Demetz, Paul Kornfeld, Hermann Grab, Hugo Sonnenschein, Ludwig Winder, Rudolf Fuchs und Louis Fürnberg — Texte, die die Lebensschicksale, Ängste, Hoffnungen und bitteren Erfahrungen dieser Autoren literarisch verarbeiten, die das Prager Kulturleben in der Zwischenkriegszeit entscheidend mitgeprägt haben und nach Hitlers Überfall auf die Tschechoslowakei ins Exil gehen mussten; einige wurden auch deportiert.

Den zweiten Tag des Symposiums eröffnet der Historiker Michal Frankl mit einer kritischen Bilanz bzw. Rekonstruktion des Zusammenlebens zwischen Tschechen, Juden und Deutschen in den Jahren 1930-1948. Das Bild von Prag als der Stadt, die damals den vor den Nazis fliehenden Emigranten und verfolgten Antifaschisten großzügig Asyl gewährt habe, müsse — so Frankl — doch in einigen Punkten korrigiert werden. Die damalige tschechoslowakische Regierung habe keine klare Asylpolitik gehabt. Wohl seien die Prominenten unter den deutschen Exilanten , u.a. eHeinH. Mann und B. Brecht, mit offenen Armen in der „goldenen Stadt“ empfangen worden und konnten hier bis 1938 kreativ arbeiten. Doch dies galt nur für einen kleinen Teil der deutschen Emigration. Viele arme jüdische Flüchtlinge erhielten keine Arbeitserlaubnis- darum sah man damals so viele in den Prager Cafés herumsitzen — und mussten ständig mit ihrer Abschiebung rechnen. Gleich nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich hat die ČSR-Regierung die Grenzen für jene Flüchtlinge gesperrt, die aus Österreich und aus den Sudentendeutschen Gebieten kamen. Besonders hart hat es die sudentendeutschen Sozialdemokraten und Kommunisten getroffen, die nach dem Münchner Abkommen in Prag Asyl suchten: Sie wurden abgewiesen, zurückgeschickt und fielen dann der Gestapo in die Hände. Über ihre vergessenen und verdrängten Schicksale wird derzeit eine Ausstellung in der nordböhmischen Stadt Aussig gezeigt.

Im 2. und 3. Block des Panels kamen verschiedene Zeitzeugen zu Wort. Unter diesen auch die Dramaturgin und Theaterdozentin Alena Fürnberg, Tochter von Louis Fürnberg, und Eva Mändl-Roubíčková, die mit 17 Jahren ins KZ Theresienstadt deportiert wurde. Die 83jährige Dame mit den warmen Augen las aus ihrem Theresienstädter Tagebuch, das unlängst in Englisch und Deutsch veröffentlicht worden ist. Beim gemeinsamen Essen nach dem Symposium hatten wir Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch, bei dem Frau

Roubíčková uns noch viele bewegende Details aus ihrem Leben erzählte, auch welchen Zufällen sie selbst ihr Überleben verdankte, denn ihre ganze Familie wurde ausgelöscht.

Beim anschließenden Empfang im Altstädter Rathaus würdigte die Stellvertretende Bürgermeisterin das Anliegen dieses Symposiums, die vergessene Geschichte der Prager Deutschen und das schwierige Verhältnis von Tschechen, Deutschen und Juden in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts aufzuarbeiten

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Prager Tagebuch 2

Inzwischen fühle ich mich schon ein wenig heimisch hier, kenne mich aus in der Altstadt, weiß, wo ich am günstigsten einkaufen und Mittagessen kann, wo das nächste Internet-Café ist, wo die angenehmsten Kaffees liegen – und Prag hat wunderbare alte Kaffees im Wiener Stil wie z.B. das Kaffee Louvre, das Kaffee Slavia oder das Kaffee in der Laterne-Passage, wo man auch gut lesen und schreiben kann. Des öfteren verlasse ich jetzt die Hauptstraßen und Boulevards, die den Touristen gehören, und flaniere durch die kleineren Gassen in die alten Innenhöfe hinein, wo sich oft pittoreske Imbissstuben und Weinkeller, kleine Galerien und Antiquariate eingenistet haben.

 

Mo, 10.11.08

Besuch der Sauna in der Na Poříčí 12. Auf der Suche nach dem Schwimmbad – ich folge einfach den lauten Stimmen — quere ich, mit umgebundenem Handtuch, mehrere Schwingtüren, von der Herren-Umkleide durch die Duschräume, und stehe plötzlich am Beckenrad der sehr langen, dafür schmalen Schwimmhalle: Zu beiden Seiten des Beckens hängen im Abstand eines Meters junge Frauen im Wasser, mit den Armen sich am Beckenrand stützend, und vollführen nach dem strengen Kommando ihrer Trainerin gymnastische Unterwasser-Übungen, was sehr kurios aussieht. Das unstatthafte Erscheinen eines männlichen Wesens in der Schwimmhalle löst allenthalben erstaunte Blicke, Getuschle und Gekicher aus — verlegen trete ich den Rückzug an und verziehe mich in die Sauna. Hier sind nur Männer, wie ich erstaunt registriere — ist gemischte Sauna in Tschechien etwa verpönt? Keineswegs, denn nach einer halben Stunde betreten die ersten Frauen die Sauna, ihre Brüste und ihre Scham mit einem weißen Badetuch bedeckend. Was bleibt mir anderes übrig– der Voyerismus gehört nun mal zu meinem Beruf –, als mich auf die Füße der jungen Schönen zu konzentrieren! Ich weiss nicht, ob mein (erster) Eindruck täuscht: Aber vier von fünfen hier sind nicht nur ziemlich groß und schlank, sie haben auch enorm große Füsse. Mindestens Schuhgrösse 44. Vielleicht täuscht mein Eindruck aber auch, weil die meisten Tschechinnen hier in Stiefeln, hochhackigen Schuhen oder High Heels gehen. Jedenfalls wundere ich mich immer wieder bei meinen Touren, wie problemlos sie mit ihren Pfennigabsätzen das alte Pflaster der Prager Gassen meistern, ohne in den Zentimeter breiten Ritzen stecken zu bleiben und aus den Schuhen zu fahren.

Nach der Sauna — es ist ungefähr 21.00 — flaniere ich durch das Palladium, einem erst vor einem Jahr fertig gestellten Shopping-Center am Náměsti Republiky. Es ist ein „Konsumtempel“ mit 200 shops, wie ich ihn noch nie gesehen habe, vergleichbar allenfalls den Arkaden am Potsdamer Platz in Berlin-Mitte oder dem Kaufhaus Blumendale in New York, nur noch perfekter und extravaganter, was Architektur, Design und Lichtregie angeht. Der fünf Stockwerke und Galerien umfassende Glaspalast, der wohl den Umfang zweier Fußballfelder hat, ist so gestaltet, dass man von jeder Ebene aus alle anderen Ebenen und Galerien komplett einsehen kann, denn es gibt keine die Sicht verhüllenden Zwischenetagen, diese sind vielmehr als offene Galerien rund um einen zentralen gläsernen Kubus angelegt, der gleichsam den Nukleus des Ganzen bildet. Selbstredend sind alle Weltkonzerne und –Marken im Bereich Mode, Textilien, Parfümerie, Juwelen, Sport, Tourismus etc. hier vertreten. Man schreitet über marmorglatte Bodenfliesen, die kein Stäubchen trübt, man gleitet über lautlose Rolltreppen von einer Etage in die nächste, wobei die Rolltreppe zur letzten Ebene unterhalb der Kuppel durch einen Schacht aus mattem Acryl-Glas führt, der im Sekundenwechsel alle Farbtöne von Rosa bis Blau annimmt. Hier oben flaniert man durch wechselnde gastronomische Panoramen, durch ein Elysee aus Bars, Cafés, Imbiss-Stuben und Restaurants. Jede Lounge, jede Bar, jedes Restaurant hat sein eigenes Dekor und Design, je nachdem, ob hier japanische, koreanische, französische oder arabische Küche und Getränke serviert werden.

Nur das Absurde ist: Ich flaniere um diese Zeit fast allein durch die menschenleeren Floors, die meisten Bars, Restaurants und Shops sind zwar noch geöffnet, aber völlig verlassen, nur hier und dort sehe ich einen Verkäufer oder eine Inhaberin mit dem Besen ein paar unsichtbare Flusen von dem marmorierten Boden fegen oder mit dem Handstaubsauber zwischen den Auslagen eines Juwelierladens hin-und herwedeln. Ich gleite durch diesen mit den teuersten Materialien ausgestatteten, perfekt designten postmodernen Konsumtempel, der bestimmt Hunderte Millionen Euro gekostet hat — und er ist wie ausgestorben! Wozu die langen Öffnungszeiten, frage ich mich, wenn nach 20 Uhr doch keine Kundschaft mehr kommt? Und nach einem Blick auf die stattlichen Preise der Auslagen: Wer kann sich diese Preise überhaupt leisten — außer einer gut betuchten Minderheit? Oder sind es die Touristenströme, die dafür sorgen, dass die hier versammelten 200 Luxus-Shops auch genügend Umsatz machen? Was aber, wenn diese wieder einmal dünner werden sollten?

In der Prager Zeitung lese ich, dass auch die tschechische Auto-Industrie und ihre Zulieferer von der Weltfinanzkrise hart getroffen werden, dass auch Skoda seine Produktion zurückfahren muss, weil der Absatz auf den EU-Märkten gefährdet ist. Man darf gespannt sein, wie viele der 200 Shops im Palladium sich in den nächsten Jahren werden halten können. Vielleicht hat man auch hier, im Zentrum Prags, nur eine Art Finanzblase aus Glas gebaut, die bald platzen wird!

 

Di, 11.11.08

Mittagessen mit Lucie in einem kleinen Selbstbedienungs-Restaurant am Ende der Rytířská. Lucie fragte mich nach meinen ersten Eindrücken von Prag. Dass die Moldaustadt mit ihrer über 1000jährigen Geschichte und ihrer unzerstörten Stadtlandschaft ein architektonisches und kulturelles Juwel ist, das jeden Besucher fasziniert, antworte ich, bedürfe wohl keiner Erklärung. Nur was mir ein gewisses Unbehagen bereite, sei die rasche Amerikanisierung der Stadt, die ihren Charakter verändere und gar nicht zu ihrem Wesen passe. Man könne ja auch nicht Smetanas sinfonisches Werk „Die Moldau“ in eine amerikanische Soap-Opera verwandeln. Die Tschechen, sagt Lucie, hätten eben nie gelernt, ihrer eigenen Kultur zu vertrauen, immer haben sie sich, mussten sie sich, auf Grund ihrer prekären geografischen Zwischenlage, den jeweiligen Großmächten anpassen: früher an die europäischen Großmächte, an Habsburg-Österreich und Frankreich zumal, nach 1945 an die Sowjetunion, und jetzt orientiere man sich eben an den USA. Die starke Ausrichtung an den USA hat natürlich auch mit dem abrupten Systemwechsel nach der Implosion des Sowjetreiches zu tun. Bei der Reprivatisierung des Staatseigentums in den frühen Neunzigern ging es in allen postsozialistischen Ländern zu wie im Wilden Westen: Wer Geld hatte, konnte damals zu einem Spottpreis eine Fabrik, ein Grundstück oder ein Haus erwerben. Eine kleine Schicht von Russen, Polen, Tschechen etc., die damals schon Geld hatten, vor allem die Mitglieder der alten Nomenklatura, haben sich denn auch gesund gestoßen — auf Kosten der großen Mehrheit. Im übrigen gehören die Filetstücke Prags dem ausländischen Kapital, das hier – man sieht es mit bloßem Auge — sehr, sehr viel Geld investiert hat. Darum ist die Arbeitslosigkeit in Prag vergleichsweise niedrig: nur 2-3 Prozent. Außerhalb der Hauptstadt ist sie viel höher.

Da heute die Sonne scheint, entschließe ich mich zu einem Spaziergang auf den Petřín oder Laurenziberg. Ich erreiche die Kleinseite über die Brücke am Nationaltheater. In direkter Verlängerung der Vítězná, gleich neben der „Hungermauer“, sind auf den Stufen einer steilen Treppe diverse Figuren aufgestellt, die von ferne wie harmlose Fußgänger wirken, sich beim Näherkommen jedoch als gräuliche Menetekel entpuppen, als eiserne Skulpturen verkrüppelter, buchstäblich halbierter Wesen: dem einen fehlt eine Schulter, dem anderen der halbe Kopf, dem dritten der halbe Oberkörper – eine makabre Manifestation menschlicher Wracks und Ruinen. Es handelt sich, wie ich der Gedenktafel entnehme, um eine Gedenkstätte für die Opfer des kommunistischen Totalitarismus, aufgestellt von der Stadt Prag.

Ich wandere den Hügel hoch, der auf der südöstlichen Seite von einer gewaltigen, mit Zinnen bewehrten Mauer gesäumt wird, die den Petřín zweiteilt und längs des Höhenkamms verläuft. Karl IV. ließ diese Mauer, als Teil der neuen Stadtbefestigung links der Moldau anlegen. Seinen Namen erhielt sie, weil der Herrscher mit ihrem Bau angeblich den armen Leuten Lohn und Brot geben wollte, wohl eine fromme Legende. Vielleicht aber, so denke ich mir, hat die Hungermauer den Dichter Kafka, der sie von seinem zeitweiligen Domizil im Seitenflügel des Schönborn-Palais im Blick hatte, zu seiner ingeniösen Parabel: Beim Bau der chinesischen Mauer inspiriert.

Auf dem Petřín ragt der Prager Aussichtsturm ca. 60 Meter in die Höhe — eine Nachbildung und Miniaturfassung des Pariser Eifelturms, die anlässlich der großen böhmischen Industrieausstellung in Prag 1891 erbaut worden ist. Die Stadt wollte schon damals zeigen, dass sie in technischer Hinsicht mit Europas Metropolen Schritt halten kann. Bewundernswert die raffinierte Statik des sich immer mehr nach oben zu verjüngenden Turms und das komplexe Geflecht eiserner Quer- und Längsverstrebungen, die durch Stahlnieten befestigt sind. Ich klettere brav die 299 Stufen der Wendeltreppe hoch, die Hand immer am Schirm meiner Mütze, denn es ist sehr zugig hier oben. Der Gegenverkehr der absteigenden Besucher auf der schmalen Wendeltreppe bietet Anlass zu einer interessanten Beobachtung: Wer hält zuerst inne, um den anderen vorbeizulassen? Wer steigt unbeirrt weiter auf oder ab? Man kann hier ganz rasch testen, wer zu welcher psychologischen Spezies gehört: ob zu denen, die Rücksicht nehmen, oder zu denen, die Rücksicht immer erst von den anderen erwarten… Für die Mühen des Aufstiegs wird man in der Tat belohnt durch den herrlichen Rundblick über die Moldaustadt, der sich von der oberen Galerie dem Auge bietet.

Ich wandere weiter in Richtung Hradschin zum Kloster Strahov, dem zweitältesten Mönchskloster Prags, einer Gründung des Prämonstratenser-Ordens, dem das riesige Anwesen nach dem Ende der kommunistischen Ära wieder übereignet wurde. Ich betrete die Strahover Bildergalerie im ersten Stock des Kreuzganges, die Werke von der Gotik bis ins 19. Jhdt. Umfasst — und verharre staunend vor einigen großformatigen Portraits: mit welcher — geradezu fotorealistischen — Präzision die alten Meister nicht nur die üblichen Verdächtigen, sprich: die christlichen Heiligen, sondern auch gewöhnliche, und vor allem alte Menschen ihrer Epoche portraitiert haben.

Der Besuch der berühmten Strahov’schen Bibliothek mit dem Theologischen und dem Philosophischen Saal, die 280 000 Bände und über 5000 Handschriften enthalten, stimmt mich fast ein wenig melancholisch, liegt doch im schieren Anblick dieser ehrwürdigen Zeugnisse einer längst vergangenen Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ein Memento mori. Wie viel geronnener Schweiß, wie viel geistige und physische Energie steckt doch in diesen Regalkilometern von Büchern und Folianten, die bis unter die Saaldecke gestapelt sind – der größte Teil liegt noch in den Archiven — und die doch kein Mensch mehr (ein paar Spezialisten ausgenommen) mehr kennt, geschweige denn liest! Die hier gestapelten Bücher mit ihren vergilbten wachsweißen Leinen- oder braunen Ledereinbänden wirken auf mich wie einbalsamierte Buchleichen — und unwillkürlich denke ich an mein eigenes literarisches, dramatisches und essayistisches Werk, das auch mehrere Regalmeter umfassen dürfte und wohl ebenso dem Vergessen anheim fallen wird (und teilweise schon ist) wie die Werke der Kollegen aus fernen Jahrhunderten. Früher konnte man mit dem Beruf des Schriftstellers immerhin noch die Hoffnung verbinden, dass das eigene Werk einen überleben wird. Heute, im „Zeitalter der Dromokratie“ (Virilio), der rasenden Beschleunigung, muss der Autor schon froh sein, wenn sein Buch wenigstens eine Saison lang auf den Ladentischen ausliegt, und nicht schon nach drei, vier Wochen wieder verschwindet, wie es inzwischen die Regel ist.

Indes macht mich der Audio-Guide auf eine höchst originelle Erfindung aufmerksam, die im Theologischen Saal zu besichtigen ist: auf das sog. Kompilierungs-Rad – eine Konstruktion aus mehreren, übereinander geschachtelten Schreibplatten, die mit einer Walze verbunden sind und mittels eines großen Rades gedreht werden können, sodass mal die eine, mal die andere Platte nach oben bzw. nach vorne gelangt. Diese pfiffige Konstruktion benutzten die alten Kompilatoren, um aus verschiedenen Büchern, die auf jeweils verschiedenen Platten des Drehtisches abgelegt wurden, einen „neuen“ Text zu kompilieren; eine mechanische Technik des Kopierens und Einfügens lange vor dem digitalen Zeitalter!

 

Mi,12.11.08

Ich steige in die Metro, um einmal die Seiten Prags kennen zulernen, die nicht im Reiseführer mit Sternchen versehen sind: die Trabantenstädte am Rande der Moldaustadt. Ich nehme die Linie B und fahre bis zur Endstation Černý most: Vor mir fährt ein alter Mann die Rolltreppe hinauf, der aussieht wie ein tschechisches Rumpelstilzchen. Sein eisgrauer struppiger Bart reicht ihm bis zum Bachnabel, er trägt eine grünstichige, völlig verdreckte Jacke und zwei verschiedenfarbige Plastiksandalen ohne Strümpfe. Mit der einen Hand hält er seinen auf dem Laufband abgestellten verschnürten Pappkarton fest, der wohl sein ganzer Besitz zu sein scheint. Solche traurigen Figuren sieht man zuweilen auch in der Innenstadt, aber deutlich mehr hier draußen in den suburbs, wo selbstredend keine Touristen zu sehen sind.

Ich wandere durch die weitläufigen, ziemlich tristen, aber mit Billig-Discountern und Supermärkten recht gut bestückten Hochhaussiedlungen. Der erste Ring besteht aus neueren Bauten, wie man an den Solarzellen sieht, mit denen Teile der Dächer bestückt sind, auch sind die Fassaden teilweise in freundlichen Orange- Grün- und Brauntönen gehalten und etwas aufgelockert durch Rotunden und gewellte Balkone, die indes wegen der Kleinheit der Mietparzellen meist mit Hausrat vollgestopft sind. Der dahinter liegende Ring von Mietkasernen besteht aus trostlosen und herunter gekommenen Plattenbauten, die wohl noch aus der kommunistischen Ära stammen. Hin und wieder begegnen mir alte Männer und Frauen mit großen Handtaschen und Plastiktüten, in denen sie Flaschen und Dosen aus den Müllbehältern sammeln.

Die meisten Leute hier sind sehr schlicht und ärmlich gekleidet und gehören gewiss nicht zu denen, die sich eine Shopping-Tour am Goldenen Kreuz oder durch das „Palladium“ leisten können. Übrigens müssen immer mehr Prager Bürger die Altstadt verlassen, weil die Mietpreise hier explodieren. Vielleicht geht es ihnen bald wie den Venezianern, von denen die Mehrzahl heute auf dem Festland wohnen, weil sie die durch Spekulation hochgetriebenen Miet- und Immobilienpreise der Lagunenstadt nicht mehr bezahlen können.

Dabei ist Prag, wo die Geschäfte boomen, noch gut dran; die Arbeitslosigkeit ist hier viel niedriger als im Landesdurchschnitt, als in Nordböhmen etwa, wo keine Touristenströme die Investoren locken. Hier ist die Armut so groß, dass die nordböhmischen Grenzgebiete zu wahren Zentren der Prostitution geworden sind. Der Straßenstrich, etwa in der Gegend von Chomutov, hat solche Ausmaße angenommen, dass die Behörden und die Polizei — wie die Prager Zeitung berichtet — neuerdings via Videoüberwachung die Freier abzuschrecken suchen, die übrigens meist aus Sachsen kommen. Da mangels Jobangeboten vielen jungen Tschechinnen gar nichts anderes übrig bleibt als der Strich, sucht die Polizei ihn wenigstens „an die Stadtgrenzen abzudrängen“, denn Prostitution ist nun mal schlecht fürs Image.

 

Do,13.11.08

Ich besuche die Kafka-Ausstellung auf dem Kampa-Gelände am Moldauufer der Kleinseite, Nähe Karlsbrücke. Eine Skulpturen-Szene, die vor dem Museum aufgebaut ist, lässt die Besucher unwillkürlich nach ihren Kameras greifen: Zwei stilisierte Männer aus geschupptem und geriffeltem Eisen stehen sich in einem Wasserbassin gegenüber, ihre (per eingebautem Motor) beweglichen Rümpfe samt den ausschwenkbaren Penissen drehen und heben sich rhythmisch, um ihren Strahl dann in hohem Bogen ins Becken zu ergießen… Was dieses frivole Arrangement mit Kafka und seinem Werk zu tun haben soll, bleibt allerdings unerfindlich.

Die Ausstellung indes, die auch mit diversen Installationen arbeitet, bemüht sich um eine ernsthafte Annäherung an den Prager Dichter. Sie ist nicht nur mit ausführlichen und profunden Kommentaren zu seiner Vita, seinem Elternhaus, seinen wichtigsten Freunden, geistigen Weggefährten und Amouren (Felice und Milena) versehen, sie sucht den Besucher auch in die eigentümliche Welt der Kafka’schen Figuren hineinzuziehen. Die in Schwarz gehaltenen Räume, schlauchförmigen Gänge und Labyrinthe, durch die man wandert — eines ist bis zur Decke mit schwarzen Aktenschränken bestückt, deren Schubladen die Initialen und Namen von Figuren aus Kafkas Romanen und Erzählungen tragen–, suggerieren gleichsam das innere Gefängnis des Dichters und seiner Geschöpfe, die sich stets schuldig und verurteilt fühlen, ohne doch ihre Ankläger und Richter jemals zu Gesicht zu bekommen. Unter einem angestrahlten Glaskubus steht denn auch die ingeniöse Foltermaschine, die dem bäuchlings unter ihr Liegenden den Text des „Urteils“ in den Rücken stanzt — wie in der gleichnamigen Erzählung „Das Urteil“, die Kafka im Zuge einer Nacht geschrieben hat und die sein literarisches Initiationserlebnis werden sollte.

Eine Video-Animation, welche die wichtigsten Prager Schauplätze des Dichters aus alten Fotografien montiert und diese zugleich dynamisch verfremdet, indem sie unter Wasser gefilmt wurden, sodass die wellenbewegten Straßen, Häuser und Dachfirste gleichsam ineinander stürzen, suggeriert die innere Bedrohung und Beklemmung der Kafkaschen Figuren. Auch wenn Prag als Schauplatz in seinen Romanen und Erzählungen nie vorkommt, so hat ihn doch diese Stadt sehr stark geprägt. Oft fühlte er sich Prag ausgeliefert, einmal bemerkt er lapidar „Dieses Mütterchen hat Krallen“. Bezeichnend für den „ewigen Junggesellen“ Kafka („Auch Sisyphos war Junggeselle“, notiert er selbstironisch im Tagebuch) ist auch, dass er alle Umzüge seiner Familie mitgemacht hat und erst ab seinem 32. Lebensjahr sich gezwungen sah, ein eigenes Zimmer zu nehmen. Folgerichtig beginnt die Ausstellung auch mit dem zentralen Dokument des Kafka’schen Traumas: dem berühmten „Brief an den Vater“. Manchmal, so heißt es da, stelle er sich den Vater über eine Landkarte hingestreckt vor; da dieser mit seiner Größe fast die ganze Landkarte bedecke, blieben für ihn, den Sohn, nur noch wenige, sehr kleine und randständige Gebiete übrig…

Es ist erschütternd, wie sehr dieses Vater-Trauma den Dichter bis an sein Lebensende gequält und heimgesucht hat. Als er 1917 an Tuberkulose erkrankt, sieht er darin den symbolischen Ausdruck seines „Bankrottes“; dabei befindet er sich auf dem Höhepunkt seines literarischen Schaffens und längst auf dem Wege zum (Welt)Ruhm. Erschütternd auch die Selbstverurteilung in einem seiner Briefe an Doris, seine letzte Weggefährtin: „Ohne Vorfahren, ohne Ehe, ohne Nachkommen, und doch mit einer wilden Sehnsucht nach Vorfahren, Ehe und Nachkommen, aber zu fern für mich. Für alles gibt es künstlichen, jämmerlichen Ersatz, für Vorfahren, Ehe und Nachkommen. In Krämpfen schafft man ihn und geht, wenn man nicht schon an den Krämpfen zugrunde gegangen ist, an der Trostlosigkeit des Ersatzes zugrunde.“

Dieser Schriftsteller, der die eigene Biografie und deren Traumata in einzigartiger Weise fiktionalisierte und in dessen ingeniösen literarischen Parabeln sich eine ganze Epoche, ein ganzes Jahrhundert wieder erkannte, hat bis zuletzt unter dem Stigma der Selbstverachtung gelitten.

Ich frage mich, wie der arme Franz K., der völlig unfähig zur Selbstreklame war, wohl den aufgeblasenen und durchkommerzialisierten Kultur- und Literaturbetrieb von heute erlebt hätte, in dem Talent nur noch wenig zählt, dagegen Marketing und Selbstvermarktung alles ist. Franz K. auf einer Pressekonferenz der Frankfurter Buchmesse, auf dem Blauen Sofa von 3sat oder in einem Interview mit der ZDF-Aspekte-Moderatorin — ist das vorstellbar? Ich stelle mir ihn vor, wie er mit befremdlichem Blick und einem Gefühl der Taubheit durch die Einkaufsparadiese und Konsumtempel der heutigen Boomtown Prag wandert, wie er die lautlosen Rolltreppen des „Palladiums“ hinauf und hinunter gleitet, vorbei an den perfekt designten und ausgeleuchteten Ikonen und Attrappen der modernen Warenwelt– und muss just an den „Hungerkünstler“ denken, eine seiner abgründigsten Erzählungen. Der hungert ja nicht deshalb, von den Menschen unbeachtet und vergessen, in seinem Käfig vor sich hin, weil es nichts zu essen gäbe — im Gegenteil, es ist alles reichlich vorhanden –, sondern weil er die richtige, die für ihn bestimmte Speise nicht finden kann.

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Prager Tagebuch 1

Sa, 01.11.08

Bekanntlich haben auch Umwege ihr Gutes. Da just der ICE Frankfurt-Dresden ausgefallen war, musste ich über Berlin-Dresden nach Prag fahren. So kam ich, nach der etwas eintönigen Fahrt Berlin- Dresden, in den Genuss jener wunderschönen Landschaft, die sich entlang der Oberelbe erstreckt: der Sächsischen Schweiz und Nordböhmens mit seinen urtümlichen, kragenförmigen Sandsteinformationen, welche die Abendsonne in ein rötliches Licht tauchte. Ein Hauch von Arizona mitten in Nordböhmen.

Ankunft in Prag- Holešovice gegen 17.20. Mit dem Taxi fahre ich in die Anenská 13, wo das Prager Literaturbüro für mich eine Wohnung gemietet hat. Sie liegt in der Altstadt, fabelhaft zentral, zwischen dem Betlémské náměstí, in dessen Kapelle einst Jan Hus seine berühmten Predigten hielt, und der Karlsbrücke: 2 Zimmer, Küche, Bad, frisch renoviert, karg möbliert, Parkettfußboden, aber leider noch ohne Telefon und Internetanschluss.

Mein Vermieter zeigt mir gleich den nächsten Supermarkt am Národní – „Tesco“, das einem britischen Konsortium gehört. Die Einkaufshallen wirken noch recht provisorisch, die Verkaufstheken wie eben erst installiert, kein Chrom, kein Messing oder Marmor. Ich sehe gar eine Verkäuferin mit einem Buch vor der Nase hinter ihrer Theke sitzen – und möchte sie am liebsten umarmen. Dass es so was noch gibt! In Deutschland wäre so eine längst gefeuert.

Gegen 19 Uhr holt mich Veronika Dudková ab, eine Mitarbeiterin des Prager Literaturhauses, und lädt mich zum Abendessen ins Café Louvre. Sie ist sehr nett, spricht sehr gut Deutsch, hat u.a. Hermann Hesse und Joseph Roth ins Tschechische übersetzt. Sie erzählt mir einiges über das Konzept des – noch jungen- Prager Literaturhauses, nämlich das reiche Erbe der deutschsprachigen Autoren, die in Böhmen und Mähren, vor allem in Prag gelebt haben, der Öffentlichkeit wieder verfügbar zu machen und den Austausch zwischen deutschen und deutschsprachigen tschechischen Autoren via Stipendien, Lesungen etc. zu fördern.

Wir sprechen sodann über die historische Rolle der Deutschen in Prag. Seit der Zeit Karls IV. war die Altstadt (Staré Město) das Wohnviertel der Deutschen, die Tschechen lebten dagegen überwiegend in der Neustadt (Nové Město). Die Deutschen hatten bis zur Mitte des 19. Jh.s sogar die Mehrheit im Prager Stadtrat inne. Und noch zu Beginn des 20 Jh.s waren unter den 400 000 Einwohnern Prags 30 000 Deutsche, darunter 25 000 Juden. Nach der Gründung der Tschechoslowakei 1918 verließen viele Deutsche die Stadt oder wurden 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben. Von den Prager Juden überlebten nur 4000 den Holocaust.

Ich mache noch einen Bummel durch die nächtliche Altstadt, lasse mich von den Touristenströmen, die die Gassen füllen und die manchmal zu regelrechten Staus führen, einfach mitziehen. Es ist ein unglaubliches Gewimmel. Aus den Boxen der Shops, Bars und Souvenirläden dröhnt Rap, Hip-Hop oder Hardrock, die mit russischen Steckpuppen, Plastik-Marionetten und sonstigem Kitsch voll gestopften Läden sind rund um die Uhr offen. Man hört mehr Englisch, Spanisch, Deutsch und Französisch als Tschechisch und sieht mehr Touristen als Einheimische. Die alten berühmten Gässchen, die zur Karlsbrücke führen, die Husova und die Karlova, kommen mir vor wie die Drosselgasse in Rüdesheim! Ganz Prag, scheint es, ist zu einem Hypermarket für den Massen-Tourismus geworden.

Am Platz vor der Karlsbrücke, hinter dem Denkmal Karls IV, prangt auf einer Leinwand, mit der das Baugerüst verkleidet wurde, ein riesiges Werbeplakat für Pilsner Bier. Der Flaschenhals überragt beträchtlich das Haupt des einstigen böhmischen Königs und späteren Kaisers des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation, der die berühmten Bauwerke der Moldaustadt erbauen ließ (einschließlich des Karolinums, der ersten Universität Mitteleuropas). Auf der Karlsbrücke selbst ist ein solcher Andrang wie im Sommer auf der Rialtobrücke in Venedig.

Trotz der Omnipräsenz touristischer Vermarktung– der Blick über die Moldau, auf die gegenüberliegende Kleinseite und den angestrahlten Hradschin, das aggressive Gekreische der Möwen, die auf den Sockeln der Brückenpfeiler sitzen, die Liebespaare, die sich unter den steinernen Skulpturen der Brückenheiligen abfotografieren lassen, die diversen Schausteller und Straßen-Musiker– das alles ergibt schon ein faszinierendes Ambiente.

Ein Musikant zieht mich sofort in Bann: Er spielt auf der Ziehharmonika nicht etwa Lieder, Schlager oder Folkmusic, sondern so komplizierte Virtuosenstückchen wie Mozarts „Kleine Nachtmusik“, eine Bachsche Orgel-Toccata und Fuge, Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ und andere klassische Stücke. Auch die schnellen Sätze spielt er absolut perfekt. Mit staunenden Mienen lausche ich, lauschen die Passanten, die einen Halbkreis um den unbekannten Virtuosen gebildet haben, den bekannten Melodien und Harmonien, die doch auf der Ziehharmonika seltsam verfremdet, ja, ein bisschen scheppernd klingen.

Sehr befremdlich dagegen der Anblick der Bettler und Obdachlosen, die, am Eingang zur Karlsbrücke und am Rande der Gassen, mit dem Gesicht nach unten, buchstäblich auf den Knien liegen — davor die Büchse mit den paar Kronen drin. Wie ich die nächsten Tage beobachte, scheinen alle Bettler in Prag diese demütigende Haltung einzunehmen, als hätten sie sich verabredet. Es passt aber irgendwie zum – auch hier — angebrochenen Neuen Zeitalter des Geldes: wer keins hat, soll sich gefälligst schämen!

 

So, 02.11.08

Nach dem Frühstück bummle ich durch die Altstadt — Richtung Wenzelsplatz. Ich habe gutes Wetter mitgebracht, es ist für November erstaunlich milde in Prag. Auch auf den Pracht-Boulevards 28. října und Na Příkopě (Am Graben), dem teuersten Pflaster Prags, überspannen die Heiligen Ikonen der Konsumgesellschaft, sprich: die neuesten Top-Modelle von Mercedes Benz und Skoda, ganze Häuserfassaden. Im Schaufenster eines (wohl gerade neu eröffneten) Adidas-Ladens auf dem Jungmann-Platz schwingen vier Jugendliche mit Adidas-Schirmmützen und – Sportkostümen die Beine zu einem dröhnenden Rap — ist das, frage ich mich befremdet, etwa die postmoderne Variante des berühmten PragerPuppentheaters? Dergleichen lebende Schaufensterpuppen habe ich bislang nur in New York gesehen. Direkt aus New York scheint man auch die aggressiv aufheulenden Sirenen der Notfall- und Rettungsfahrzeuge importiert zu haben, die noch in 10 Kilometer Entfernung zu hören sind.

Ich besuche die in einem Container untergebrachte und wie ein Labyrinth gestaltete Foto-Ausstellung am Wenzelsplatz, direkt vor dem Denkmal des Stadtheiligen. Sie erinnert lHl. Wenzelan die vielen Menschen, Gruppen und Organisationen, die nach 1948 gegen das kommunistische Regime Widerstand geleistet und dafür oft ihr Leben riskiert und verloren haben. Neben Václav Havel und der Charta 77 gab es, wie diese Ausstellung dokumentiert, viele andere mutige Männer und Frauen, die auf die eine oder andere Weise gegen das Regime opponiert haben.

Am náměstí Republiky (Platz der Republik) ist gerade ein Filmdreh im Gange, der wie ein Kontrastprogramm zur Ausstellung am Wenzelsplatz wirkt: In der, von vielen Schaulustigen umgebenen Absperrung rund um den Prašná Brána, den alten Pulverturm, steht ein alter Armeewagen mit dem Sowjetstern auf der Karosserie, davor ein paar uniformierte Rotarmisten. Riesige Bühnenlampen auf fahrbaren Gestellen leuchten den Turm aus. Auf Kommando queren immer wieder Statisten in schwarzen Mänteln und steifen Hüten den Platz. Das historische Nachkriegs-Ambiente wird komplettiert durch Litfasssäulen mit Plakaten aus der kommunistischen Ära: Auf einem Plakat ragt Stalin in weißer Feldherren-Uniform und –Pose über die Häuserdächer – wie ein furchterregender Golem, der die Stadt heimsucht. Ein bizarrer Anblick: Als ob sich mitten auf dem Platz der Republik plötzlich eine Falltüre in die Vergangenheit öffnet!

Doch ein RundumBlick auf die glanzvoll restaurierten Hotelfassaden und Bankhäuser, sowie auf die Logos der Weltkonzerne, welche das „Goldene Kreuz“, das Geschäftsviertel rund um den Wenzelsplatz, beherrschen, genügt, um solche Befürchtungen zu zerstreuen. Prag ist wirklich in Europa, im Westen, wenn nicht gar in Amerika, angekommen. Was auch heißt: Konsum und cash sind hier alles!

Ich wandere weiter, die alte Zeltnergasse (Celetná) hinunter, und bestaune die prächtigen, oft mit Sgraffittis geschmückten Bürgerhäuser mit ihren prächtigen Rennaissance-, Barock- und Jugendstilfassaden. Hier weht einen der Geist so vieler Epochen an, dass man schauend ganz andächtig wird.

Auch der tschechische Kubismus hat sich hier verewigt. Ich betrete das Eckhaus „Zur Schwarzen Mutter Gottes“ mit den zwei zurückspringenden Mansardetagen und der kubistisch gestalteten Fassade. Es ist heute ein Museum für den böhmischen Kubismus, der Gebrauchsgegenstände aller Art seinem Kunstwillen unterworfen hat. Kurios das eckige und winkelige Design der Stühle, Sofas und des Geschirrs. Nur möchte man auf diesen Stühlen mit den schrägen Stuhlbeinen und den schmalen spitzwinkligen Rückenlehnen nicht unbedingt sitzen.

Am Spätnachmittag wandere ich nochmals zum Altstädter Ring. Hier herrscht, besonders vor dem Altstädter Rathaus mit der Astronomischen Kunstuhr, ein unglaubliches Gewimmel von Touristen in allen Sprachen und Hautfarben, die von emsigen guides dirigiert werden. Ich warte nicht auf das nächste Erscheinen der 12 Apostel, die sich jeweils zur vollen Stunde dem Publikum präsentieren, sondern quere den Platz, um das Juwel des Dientzenhofer Barock, die Kirche St. Niklas zu besichtigen. Doch beginnt hier gerade wieder ein Konzert für die Touristen, 300 Kronen das Ticket. Ich kehre wieder um. Auch das ist Prag: man kann kaum eines seiner baulichen Juwelen besichtigen, ohne zu einem touristischen Begleitprogramm, sei es Konzert, Ausstellung oder Galerie, genötigt und abkassiert zu werden.

Abends treffe ich mich mit Lucie Černohousová, der Geschäftsführerin des Prager Literaturbüros für deutschsprachige Autoren, vor dem Weingarten-Theater, wo (im Zuge der deutsch-tschechischen Theatertage) die Münchner Kammerspiele mit einer Bühnenbearbeitung von Fassbinders Film „Die Ehe der Maria Braun“ gastieren.

Danach großer Empfang im prächtigen, mit viel Stuck verziertem Empfangssaal des Jahrhundertwende-Theaters, in dem das Prager Bürgertum sein protziges Selbstbewusstsein ausstellte. Ich werde u.a. Herrn Černý vorgestellt, Ex-Botschafter Tschechiens in Deutschland und heute Vorstandsvorsitzender des Prager Literaturbüros. Beim Umtrunk erklärt er mir, warum sich Franz Kafka und Jaroslav Hašek, die beiden Dichterfürsten Prags, nie begegnet sind: Weil Kafka nur Wein und Hašek nur Bier trank; damals aber waren die

 Bierschenken und Weinhäuser in Prag noch streng getrennt. Wo Bier ausgeschenkt wurde, gabs keinen Wein und umgekehrt… Literaturgeschichte von unten!

 

 

Mo, 03.11.08

Treffen mit Lucie im Prager Literaturhaus für deutschsprachige Autoren. Das Wort „Haus“ ist wahrlich ein Euphemismus, es handelt sich um ein winziges Büro im 3. Stock am langen Ende eines Korridors des Tschechischen Außenministeriums. Im Vorraum stehen zwei Regale mit Büchern deutschsprachiger Autoren aus Böhmen und Mähren des letzten Jahrhunderts. Lucie ist eine liebenswürdige, intelligente und sehr engagierte Frau, sie spricht fabelhaft Deutsch, hat Deutsch und Musik studiert, davon 3 Jahre in Deutschland, hat den Master- und Doktorgrad erworben, danach noch eine Fachhochschule für modernes Management besucht. Jetzt hat sie endlich ein Haus für das Prager Literaturbüro gefunden, aber sie sucht noch Sponsoren, die die Kosten der Renovierung und der Einrichtung übernehmen. Was nicht leicht ist, denn Literatur, zumal deutschsprachige in Prag, ist ein Nischenprodukt, das sich kaum vermarkten lässt.

 

Di., 04.11.08

Habe heute das „Museum des Kommunismus“ besichtigt. Irrtümlicherweise betrat ich erst das Haus Nr. 20 in Na Příkopech und wunderte mich sehr: Ich befinde mich in einem mit prächtigen Säulen und Decken-Freskos ausgestatteten Barockpalast, der sich indes als die UniCredit Bank entpuppt, ein italienisches Geldhaus, wie mir der Pförtner erklärte. Von einem „Museum des Kommunismus“ wüsste er nichts, dies sei schon immer eine Bank gewesen, ja sogar die erste Bank der Tschechoslowakischen Republik, 1918 gegründet. Dass die Banker wie Feudalherrn leben und logieren, war mir nicht neu, aber es war doch ein kurioser Anblick, in der barocken Eingangshalle, deren Stuckdecke mit geflügelten Engeln und Fresken der anmutigsten Nuditäten verziert ist, die hinter gläsernen Schirmen und ihren Laptops versteckten Köpfe von Bankangestellten hocken zu sehen. Sie wirkten hier so deplaziert wie Wallstreet-Broker bei einem Kostümfest Kaiser Rudolf des Zweiten.

Eigentlich hatte ich die Suche nach dem Museum des Kommunismus schon aufgegeben — da entdeckte ich es, einige Häuser weiter im Palais Severin Nr. 10. Das Environ des Museums ist sehr passend, sofern man einen Sinn für Symbolik hat: Im Parterre befindet sich ein Spielcasino und gleich daneben ein McDonald. Das spärlich besuchte Museum im ersten Stock ist auf wenige Ausstellungsräume begrenzt, die mit trostlos vergilbten Requisiten aus dem kommunistischen Alltagsleben voll gestopft sind. Der spiritus loci passt durchaus zum Geist dieser Ausstellung. Dass das Museum von einem Amerikaner gestiftet wurde, ist der Auswahl und den Kommentierungen anzumerken.

So wird gleich eingangs, wo die Büsten der geistigen Ahnherrn und Begründer des einstigen Sowjetreiches stehen, Karl Marx als „Bohemien und intellektueller Abenteurer“ qualifiziert, der „seine Laufbahn als romantischer Dichter und apokalyptischer Himmelsstürmer begann“. Kein Wort des Respekts, geschweige denn der Anerkennung der wissenschaftlichen Leistung des Begründers der modernen Soziologie. Hat doch just dieser „Bohemien und intellektuelle Abenteurer“ die Mechanismen und Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die periodisch auf ihren Zusammenbruch zutreibt — wie wir es jetzt gerade wieder erleben –, so scharf analysiert wie keiner vor ihm und keiner nach ihm.

Trotz des ressentimentgeladenen Charakters vieler Kommentierungen vermittelt die Ausstellung einen recht guten Überblick bezüglich der fortschreitenden Stalinisierung der tschechoslowakischen KP nach 1948, die ihren Höhepunkt in den Slánský-Prozessen fand, wie es zum „Prager Frühling“ und nach dessen Niederschlagung durch die Warschauer-Pakt-Truppen zur „samtenen Revolution“ kam.

 

Mi, 05.11.08

Treffen mit Ulrike Krickau im Café Louvre. Sie ist Journalistin und forscht zur Zeit die Prager Archive durch in Sachen Egon Erwin Kisch, über den sie eine Art Biografie verfassen will. Sie lädt mich ein, mal in die Außenbezirke Prags zu fahren, da gäbe es organisierte Gruppen von Armen, die systematisch die Mülltonnen abgrasen nach verwertbaren Essensresten, Büchsen, Flaschen etc. Das farbenfrohe Bild der Prager Altstadt, das von gut situierten Bürgern und Touris beherrscht werde, täusche. Trotz des Wirtschaftsbooms gäbe es viel Armut in Tschechien.

Später zeigt sie mir eine architektonische Rarität: die „Laterne-Passage“ (die in einer Seitenstraße des Wenzelsplatzes liegt). In der großen Halle, wo neben einem Kino, einer berühmten Diskothek hauptsächlich Restaurants und Cafés liegen, zieht ein provozierendes Reiterstandbild sofort die Aufmerksamkeit auf sich: Es hängt von der Decke, genauer gesagt: das Pferd hängt von der Decke, Kopf und Beine nach unten, und der Reiter, der Krieger sitzt auf dem Bauch des toten Pferdes — eine treffliche Parodie auf den Militarismus und seine stupide Heldenvergötzung.

Abends mit Lucie in der Divadlo Komedie, wo (im Rahmen der deutsch-tschechischen Theatertage) ein Stück von Schwab gegeben wird: „Übergewicht. Unwichtig: Unform“. Doch leider gibt es weder eine deutsche noch eine englische Übersetzung. Es hat freilich auch seinen Reiz, von einem Stück nichts zu verstehen: Man baut sich aus den Gesten und Aktionen der Schauspieler im Geiste sein eigenes Stück zusammen. Als Lucie mir nach der Vorstellung ein kurzes Resumee des Schwab-Stückes gibt, wundere ich mich allerdings sehr: Bilde ich mir doch ein, ein ganz anderes Stück gesehen zu haben als sie, dessen Premiere freilich nur in meinem Kopf standfand.

 

Do, 06.11.08

Der historische Wahlsieg Obamas, des ersten schwarzen Präsidenten der USA, lässt das offizielle politische Prag ziemlich unbeeindruckt. Wie in der Prager Zeitung zu lesen ist, hätten die meisten Politiker hier, Václav Havel ausgenommen, lieber den konservativen Republikaner McCain im Weißen Haus gesehen. Warum? Weil McCain unverbrüchlich zu dem Raketenschild steht, der hier an den Grenzen Tschechiens errichtet werden soll. Bei Obama ist man sich diesbezüglich nicht so sicher. Angeblich soll die amerikanische Raketenabwehr die „zivilisierte Welt“ gegen mögliche Angriffe des Iran schützen, in Wahrheit ist sie gegen Russland gerichtet. Im Unterschied zu ihrer politischen Führung indes ist eine Mehrheit der Tschechen gegen die Errichtung des geplanten Raketenschildes auf tschechischem Boden. Man hat hier – zurecht — Angst vor einer Neuauflage des „Kalten Krieges“.

 

Wochende, 09.-10.11.08

Zwei Theatererlebnisse: Am Samstag “The Beggars Opera“ in einer Neubearbeitung von Václav Havel im Švandovo divadlo na Smíchově. Witziges Bühnenbild, rasante Inszenierung, nur laufen die englischen Übertitel so schnell über den oberen Rand der Bühne, das man kaum folgen kann. Auch wenn ich nur Bruchstücke der Dialoge verstehe — die Botschaft Havels liegt in der Art, wie er sein Stück enden lässt: Der Gauner und Frauenheld Mackeath wird nicht gehängt, sondern er macht mit Londons Polizei einen Deal, zugleich fusioniert seine Bande mit Peachums Hehler-Organisation – und alle werden „anständige“ Geschäftsmänner! Eine sehr amerikanische, sehr zeitgemäße Lösung.

Am So. Abend Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“ in der hochgelobten Inszenierung des Wiener Burgtheaters im Prager Nationaltheater. Zum Glück auf Deutsch. Die Aufführung ruht auf den Schultern der beiden sehr guten Hauptdarsteller Benedikt und Beatrice. Sie, die geschworene Männerfeindin, und er, der geschworene Frauenfeind, die schließlich durch eine positive Intrige der Hofgesellschaft verkuppelt werden, kommen sehr cool, frivol und zeitgemäß daher – auch infolge der vielen aktuellen Texterweiterungen. Ansonsten werden die Figuren ziemlich verpoppt und veralbert, ihr Gestus, Vokabular und Tempo dem einer angelsächsischen Sitcom angepasst, das Bühnenbild — eine , fast die ganze Bühne ausfüllende weiße Plastikwanne mit diversen Treppchen und Abstufungen — hat gar nichts mehr vom Flair einer italienischen Rennaissance-Landschaft, alle Poesie ist raus — der übliche Preis des modernen Regietheaters und seiner Manie, die alten Stücke auf Teufel komm raus zu aktualisieren, d.h. auf das Niveau des frivol-trivialen Zeitgeistes herunterzubringen!

Habe übers Wochenende, inspiriert durch meinen irrtümlichen Besuch in der UniCreditBank, wo die Barockengel verwundert auf die emsigen Bankangestellten herabsehen, ein parodistisches Märchen geschrieben mit dem Titel „Die Rückkehr der Engel“. Es macht Spaß, sich mal wieder in der kurzen Form zu üben. Ist auch das Richtige für meinen Aufenthalt hier; denn bei den vielen interessanten Dingen, die man hier sehen und erleben kann, und dem reichen kulturellen Angebot, habe ich nicht die nötige Ruhe und Konzentration für die Arbeit an meinem Roman.

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