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Archive for the ‘Peter Härtling’ Category

Prag, 31.01.2008

 

Heute Nachmittag reisen wir nach Aussig. Kommen erst spät nach der Lesung dort in der Wissenschaftlichen Bibliothek nach Prag zurück. Morgen früh erwarten mich ein Student und ein Journalist, beide zu wohl sehr unterschiedlichen Interviews. Am Nachmittag treffen wir uns mit František Černý, um mit ihm Lenka Reinerová, die Stifterin meines Stipendiums und Gründerin des Literaturhauses, zu besuchen, Abschied zu nehmen. Und zu einem Abschiedsessen sind wir von Lucie Černohousová geladen. Am Samstag bringt uns der Zug nach Haus. Dankbar klopfe ich auf die alte Schreibmaschine CONSUL mit der tschechischen Tastatur und nehme mir noch Zeit, ein Gedicht abzuschreiben, das in den letzten Tagen entstand:

 

DIE ALTEN DICHTER

 

Sie treffen sich,

unsichtbar neben den Jungen

und verstärken ihr Geschrei:

Hört her! Ich bitte euch,

hört her! Wir sind längst ver-

gangen. Unsere Sünden sind nicht

die euren. Wir drängen uns in

eure Sätze, rauben ihnen den

Halt; wenn Ihr klug seid,

hebt auf, was Ihr für vorüber haltet,

zum Beispiel die alten Dichter in

den Cafés, ihre lauten Geister,

ihr Besserwissen, ihre Klagen,

ihren in Versen geordneten Lärm.

 

Es könnte sein, es ist das letzte in Prag geschriebene Tagebuchstück. Ich zähle mich zu den alten Dichtern, bin aber beileibe noch kein Geist.

Dank sei allen, den Lebenden und den Geistern, die mich in diesen zwei Wochen durch Prag begleiteten.

 

Peter Härtling mit seiner Frau zu Besuch in der Prager Altstadt

Peter Härtling mit seiner Frau zu Besuch in der Prager Altstadt

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Prag, 30.01.2008

 

Autorenlesung am 28. Januar im ARCOTEL Teatrino

Autorenlesung am 28. Januar im ARCOTEL Teatrino

Die Zeit beginnt zu rennen, die Termine drängen sich. Am Montag Abend las ich im Theatersaal des Hotels aus „Nachgetragene Liebe“ und „Leben lernen“, collagierte aus einigen Abschnitten das Porträt meines Vaters, eines jungen Mannes im Brünn der Zwanziger Jahre. Während der Tonprobe und während Lucie Černohousová die Werbe­materialien für das Literatur­haus ausbreitete, blieb der Saal bedrohlich leer und ich fürchtete schon allein zu bleiben. Mit einem Mal füllte er sich jedoch bis auf den letzten Platz. Tomaš Dimter, um Jahrzehnte jünger als ich, leitete kundig und behutsam ein und führte ebenso danach ein Gespräch, das auch das Publikum zu Fragen anregte. Ich fühlte mich sicher und wohl. Es dauerte eine Weile, bis sich die Versammlung auflöste, und uns junge Zuhörer in die „Akropolis“ einluden, ein Lokal in der Nähe. Die Akropolis war überfüllt – ein kurioser Satz.

Am Morgen, Nachmittag und am nächsten Morgen gab ich Interviews, immer gespannt auf den Wechsel der Fragen. Zum ARD-Rundfunkstudio nahm uns Lucie Černohousová im Taxi auf die Kleinseite mit. Hinein ins Botschaftsviertel. Polizisten hielten den Wagen an. Wir wurden, da die amerikanische Botschaft sich gleich nebenan befindet, kontrolliert. Die Sicherheit! Ich frage mich, wie in Berlin, am Pariser Platz, wo ich mehrmals im Jahr die Akademie der Künste besuche, der ich seit Jahrzehnten angehöre, wie dort, wenn der Bau der amerikanischen Botschaft beendet ist, die „Sicherheitsmaßnahmen“ aussehen werden – ob wir, wenn wir den Platz überqueren, einen extra ausgestellten und von den Amerikanern genehmigten Pass vorzeigen müssen… Peter Hornung empfing uns in dem Studio, einer Wohnung in einem noblen alten Haus, mit Kaffee und Gebäck. So verwandelte er das verabredete Interview geschickt in ein Tischgespräch. Es ging um die Möglichkeiten und Wirkungen des Stipendiums.

Am Abend – gestern Abend! Ich muss die Stunden ordnen – holte uns Radovan Charvát, wie verabredet, ab, zur Tour, zur Lese-Tour durch Prager Literatur-Cafés. Nach dem Vorbild seiner Lesewanderung – mit Robert Walsers „Gehülfen“. Mir war nicht ganz geheuer zumute, wenn ich an unser Publikum dachte. Gut, Radka Denemarková würde tschechisch lesen und von allen Gästen verstanden werden. Aber ich? Die Lösung, die Radovan – ich ziehe jetzt, die Vertraulichkeit des Tagebuchs nutzend, die Vornamen vor – fand, half uns beiden Vorlesenden, wohl auch den Kaffeehausgästen. Er schlug vor, ich solle willkürlich eine Seite in Radkas Buch „Peníze od Hitlera“ aufschlagen und auf den Abschnitt zeigen, den sie vorlesen soll. Dasselbe geschah mit meinem Buch „Nachgetragene Liebe“. So saßen sich im Café „Dobra Trafika“ eine junge tschechische Schriftstellerin und ein alter deutscher Literat gegenüber und lasen einander vor, unter der Anleitung des moderierenden Übersetzers. Ich verstand nicht, was Radka las, aber ich hörte die Sprünge in ihrer Sprache, die Tempowechsel, die heftike Rhetorik. Und ich meinte hinter der Sprachwand den Erzählraum zu begreifen. Wir tranken, um den Stimmen aufzuhelfen, mährischen Weisswein. Nach einem Blick in ein Hrabal gewidmetes Café, in dem inspiriertes Gedränge herrschte, kehrten wir Vinohrady den Rücken und fuhren hinunter in die Altstadt, zum Café im Theater am Geländer, in dem Radka als Dramaturgin gearbeitet hatte, stießen auf eine späte Runde von Schauspielern, Beleuchtern und Technikern, die uns nicht störten, als wir das Prozedere wiederholten. Radovan versprach noch zwei besonders originelle Lesestätten. Die engen Gassen und unerwarteten Plätze, – der Annenplatz! – kannte ich noch nicht. Unser Spiel und das nächtliche Prag übten ihren Zauber aus. Wir richteten im „Montmartre“ unsere Lesebühne ein, wiederholten, was uns durch die Nacht trieb und zogen weiter quer über die Gasse ins „Týnská Kavárna“ (stimmt das, Radovan?), wo uns freundlich erklärt wurde, dass nur noch wenige Minuten für einen Kaffee blieben. Und die Doppellesung. Vielleicht war diese zweistimmige, zweisprachige Wanderung mit Geschichten durch die Geschichte die Erfüllung meines Prager Aufenthaltes. So etwas lässt sich nicht wiederholen, es lässt sich in anderer Weise fortsetzen, indem ich versuche einen deutschen Verlag für Radkas „Peníze od Hitlera“ zu gewinnen.

Heute Nachmittag kam meine Kinderstadt Olmütz in Gestalt von Professor Ludvik Vaclavyk zu Besuch. Wir hatten einen Nachmittag Zeit, über die Arbeit der Germanisten in Olomouc zu reden, über die Literatur und die Welt, und wieder staunte ich über die fabelhafte, von Humor gesättigte Bildung dieses Mannes, den ich vier Mal an seiner Wirkungsstätte erleben durfte, und wir verabredeten uns fest. Kommen Sie! Ich werde kommen, Verehrter.

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Prag, 28.01.2008

 

In einem Interview mit Thomas Mayer von der Leipziger Volkszeitung vergaß ich das zu sagen, worauf ich heute in einem Gespräch – einer „Schaltung“, wie das heißt – mit Silke Ballweg vom WDR nachdrücklich kam. Sie fragte, wie die Arbeit des Deutschen Literaturhauses zu begründen sei. Die deutsche Kultur in Prag und in anderen Städten der tschechischen Republik ist ein Bestandteil tschechischer Geschichte. Kafka, Werfel, Brod, Urzidil, Mühlberger waren deutschsprechende und schreibende Tschechen. Sie reagierten mit Wörtern und Gedanken auf ihre Umgebung, sie nahmen wahr und mischten sich ein, wie etwa Kisch. Wenn das alles vergessen und verdrängt wird, bleibt das Gedächtnis dieses Landes ärmer.

Für gestern hatte die Hüterin des Literaturhauses, Lucie Černohousová, ein Treffen mit Radka Denemarková ins Programm geschrieben. Aus einem einleuchtenden und symmetrischen Grund: Die junge tschechische Kollegin war unlängst nach Wiesbaden gereist, um dort als Stipendiatin Erfahrungen zu sammeln. Sie holte mich gemeinsam mit Radovan Charvát im Hotel ab. Wir verstanden uns auf Anhieb und setzten gleichsam eine Unterhaltung fort, die wir in Gedanken schon begonnen hatten. Charvát übersetzt das Werk Robert Walsers und hat, durch Prager Literaturcafés ziehend, den „Gehülfen“ vorgelesen, vor wechselndem Publikum und immerhin drei Getreuen. Dem grauen feuchten Wetter entsprach sein Vorschlag, Friedhöfe zu besuchen. Dem Friehof für die Bürger von Vinohrady gegenüber befindet sich der jüdische Friedhof. Auf dem einen wollten wir Milena Jesenská besuchen, auf dem anderen ihren Freund und Geliebten Franz Kafka. Milena vergaßen wir, ins Gespräch vertieft; vor Kafkas Grab staunten wir über die Fülle der Erinnerungssteine und über einige Münzen, mit denen wohl anhängliche Leser ein Wiederkommen versprachen. Die nasse Kälte legte nahe, sich in einem Kaffeehaus zu wärmen. Charvát führte uns in eines ganz in der Nähe unseres Hotels. Unprätentiös eingerichtet, ein wunderbar gastfreundliches Vorstadtcafé. Während des Spaziergangs hatte sich vor allem meine Frau mit Radka Denemarková unterhalten. Sie hatte uns als Geschenk ihr Buch – mit Fotografien von Eva Fuková – „Penize od Hitlera“ zur Begrüßung mitgebracht und im Café erfuhr ich, dass eine ihrer Veröffentlichungen als bester Roman des Jahres ausgezeichnet wurde. Sie hat zwei Kinder, einen dreizehnjährigen Sohn und eine achtjährige Tochter, und wieder erweist es sich, wie schwer es berufstätige, wenn nicht gar freiberufliche Mütter haben, sich einschränken müssen. Vor dem einmonatigen Wiesbadener Stipendium, bekam sie eines auf drei Monate im Berliner Colloquium angeboten, in Walter Höllerers Poeten-Haus am Wannsee. Es hätte ihr gefallen. Ich denke es in einem melancholischen Konjunktiv. Nur gibt es in der alten Villa, soviel ich mich erinnere, keine Kinderzimmer.

Während meine beiden tschechischen Kollegen mich für eine Wanderlesung durch Prager Literaturcafés zu gewinnen versuchen, taucht mit ihrem Papa – der sich gleich wieder verabschieden muss – Ester, Radka Denemarkovás Töchterchen, auf. Sie färbt unsere Unterhaltung um, schreibt in das Notizbuch ihrer Mutter mit großen Buchstaben unser aller Namen und entzückt uns mit ihren großen dunklen Augen. Nachdem Radovan Charvát zu einer Verabredung aufgebrochen war, verließen wir gemeinsam das Kaffeehaus. Mutter und Tochter planten noch einen Kinobesuch und meine Frau und mich zog es ins Hotel. Ich hoffe sehr, Radka Denemarková und Radovan Charvát heute Abend, bei meiner Lesung aus der „Nachgetragenen Liebe“ im „Teatrino“ wiederzusehen.

Abends, im Hotel, unterbricht heimischer Lärm unsere Prager Nachdenklichkeit. Ich muss unbedingt wissen, wie die Landtagswahl in Hessen ausgegangen ist, denn während des Wahlkampfes haben mich die rüden Attacken des Ministerpräsidenten Roland Koch gegen seine politischen Gegner und seine fatale Minderheitenpolitik aufgebracht. Christdemokraten – als Kochs Partei – und Sozialdemokraten stehen am Ende des Abends gleich. Ein ärgerliches Patt und dennoch ein Wählersieg der Menschenfreundlichkeit. So redet sich unsereiner Zweifel aus und Hoffnungen ein.

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Prag, 26.01.2008

 

Lada, Hašek und Schwejk gehörten für mich zusammen: ein Inselchen renitenter Kunst. Hašeks Roman mit den unverwechselbaren Zeichnungen Ladas besitze ich seit eh und je, und der Schwejk hütet als winzige Stoffpuppe meinen Schreibtisch zu Hause. Mal geht er unter Papierstapeln verloren, mal erobert er sich den Fuß der Schreibtischlampe als verkehrten Feldherrnhügel, mal werfen ihn Ungeduld und Wörtersuche unter den Tisch, mal wärmt er sich in meiner Hand. Auf einem der ersten Gänge durch die Stadt sah ich am Volkshaus Werbung für eine Lada-Ausstellung. Gestern besuchten wir sie, und ich lernte den ganzen Lada kennen, einen fröhlichen Anarchisten, einen hintersinnigen Karrikaturisten, einen widerborstigen Volkskünstler. Der wurde auch bestätigt durch das Publikum. Kinder sausten zwischen den Bildern umher und saßen still im Kinoraum, wo der schlaue Fuchs sein Unwesen trieb. Junge Leute umarmten sich vor Wimmelbildern, figuren­reichen Dorfidyllen, und eine Dame half mir die Stufen ins zweite Stockwerk hinauf, vielleicht angeregt von Ladas Zuneigung zu den Tröpfen und Schwachen. Ich werde dem Schwejk viel erzählen müssen von seinem Schöpfer. Aber er sollte es ja wissen.

In der „Frankfurter Allgemeinen“ stoße ich auf einen Bericht über Lenka Reinerová und ihr Buch „Das Geheimnis der nächsten Minuten“. Dem Resumee des Rezensenten Thomas Thiel kann ich nur zustimmen: „Der private Ton der Versöhnlichkeit, den sie anschlägt, wirft alles ideologisch Schattenhafte ab und degradiert es zur Nebensache, vielleicht um das Persönliche nicht vom Politischen vereinnahmen zu lassen, vielleicht jedoch auch nur aus einer erinnerungsseligen Erzählfreude heraus.“ Sie ist die Stifterin meines Aufenthaltes, denke ich, und es ist gut, dass ich die Last ihrer Erinnerung zu spüren bekomme. Zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wurde ihre Rede im Berliner Bundestag verlesen.

Am Rande der Josefstadt hält uns Kafka auf: ein grobschlächtiger bronzener Christophorus ohne Kopf, auf dessen Schultern ein Männlein mit Hut reitet. Auf dem Sockel der Skulptur steht schlicht: Franz Kafka. Ja, er hätte einen Christophorus gebraucht, aber vielleicht spielten alle Frauen in seinem Leben, von Felice bis Milena, diese Rolle. Über Ottla, seine Schwester, schrieb ich vor Jahren eine Erzählung, wie sie sich von ihrem Mann und ihren Kindern verabschiedete, ehe sie nach Theresienstadt ging. Von dort begleitete sie Kinder in einem Transport nach Auschwitz. Ins Gas.

Saal des ARCOTEL Teatrino

Saal des ARCOTEL Teatrino

Wann immer wir zurück-kehren nach Žižkov, im Fünfer, im Neuner, und ich mich anschicke, noch ein Hügelchen zu erklimmen, beeile ich mich, denn ich freue mich auf mein Prager Zuhause, das Arcotel Teatrino. Ein architektoni-sches Schmuckstück in einer durchaus urbanen Umge-bung, und ein dem Jugendstil verpflichteter Theaterraum, beschützt von zwei ver-goldeten Heroen, in dem die Gäste ihr Frühstück und ihr Abendessen einnehmen können. Und in dem ich mein Prager Publikum treffen und aus meinen Erinnerungsbüchern vorlesen werde. In Sätzen unterwegs sein werde zwischen Prag und Brünn und meiner Kinderstadt Olmütz. Nach der Lesung, nach Gesprächen, nach einem Glas Wein, fahren wir die Direttissima mit dem Lift ins Zimmer. Es macht Lust und Laune in diesem Theaterhotel Gast zu sein.

 

 

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Prag, 24.01.2008

 

Ich lerne ein wenig das Einmaleins der großen Stadt Prag. Natürlich hat es mit Ökonomie zu tun, aber auch mit Zweisprachigkeit, mit kleinen Läden und Bescheidenheit, mit der Täuschung durch Stadtpläne. Wo fange ich an? Am besten mit mir, meinen kaputten Beinen und dem Weg zum deutsch-tschechischen Kindergarten im Sokolhaus an der Straße Polská. Es sei nicht weit vom Wenzelsplatz, versprach ein Wegweiser des Kindergartens. Erst einmal den Wenzelsplatz „hinauf“ – er steigt ja etwas an – und hernach in die Weinberge: so heißt Vinohrady auf deutsch. Mir ging auf den steilen Wegstücken der Atem aus, meine Frau mußte mich stützen und ich hing mit meinem Arm schwer auf ihren Schultern. Außerdem hing ich in jeder Atempause dem trübseligen Gedanken nach, noch vor ein paar Jahren solche Hügelchen leichtfüßig überwunden zu haben. Unterwegs, als Sibylle, die Praktikantin aus Leipzig, den Plan studierte, fragt uns ein jüngerer Mann erst auf englisch, dann auf deutsch, wohin wir wollten. Zum Kindergarten in der Polská. Den kenne er, dort gäbe es eine Lesung, und seine Frau sei auch dorthin unterwegs. Vielleicht überhole sie uns, mit blauem Kinderwagen. Nach einer Weile verschwand der Mann.

Als wir, endlich angekommen, den Eingang zum Kindergarten suchten, wies uns tatsächlich eine junge Frau, die einen blauen Kinderwagen schob, den Weg. Wie angekündigt! In zwei mit Laune ausgestatteten Räumen, erwarteten uns zwei Dutzend Kinder zwischen zwei und sieben. Die Älteren hatte ein junger Lehrer aus der deutschsprachigen Schule mitgebracht. Ich las aus „Sofie macht Geschichten“, wobei mich die Aufmerksamkeit der Zwerge rührte. Danach gab es noch ein Gespräch mit den Kindern. Die meisten Mütter, exzellent deutsch sprechend, waren mit deutschen Männern verheiratete Tschechinnen, die sich entschieden für die Zweisprachigkeit ihrer Kinder aussprachen. Der Kindergarten geht nach diesem Grundsatz vor: Vormittags nähmen sich deutsche Kindergärtnerinnen der kleinen Meute an; nachmittags die tschechischen. Mir kommt die Bezeichnung „Kindergärtnerin“ noch immer freundlicher vor als „Erzieherin“. Frau Frank, die Leiterin des Kindergartens, erbot sich, uns mit dem Auto zu unserem Hotel, dem Arcotel Teatrino im Stadtteil Žižkov, zu bringen. Und führte uns vor, wie sich Gäste und Gastgeber, Stadtwanderer nach dem Plan und Prager unterscheiden. Sie fuhr los. Fuhr in die falsche Richtung. Nicht zum Wenzelsplatz. Wir versuchten mit schüchternen Gesten und Lauten die Richtung zu korrigieren. Doch Frau Frank steuerte nur noch um zwei Kurven und sagte: Das müßte die Bořivojova sein, in der ihr Hotel liegt. Wie viele Hügel bin ich unnötig gegangen. Ich nehme es als Prager Prüfung.

Nachdem wir uns erholt hatten, verließen wir das Hotel, um ein Café zu suchen. Wir wanderten dem Neuner nach und fanden in einer Ladenzeile eine Bäckerei mit Gastabteilung. Der Kaffee belebte, die Brötchen schmeckten. Mir fiel bei der wechselnden Kundschaft – Schulkinder, ältere Frauen, Handwerker – eine Bescheidenheit auf, die bei uns fehlt. Denke ich mir einen ähnlichen Laden in Frankfurt, müßte ich ihn schleunigst zugunsten eines schicken Etablissements schließen. Zugegeben: Žižkov ist nicht zu verwechseln mit der Prager Altstadt. Dort hört die Bescheidenheit auf. Als wir vor ein paar Tagen mit František Černý durch das Zentrum spazierten, deutete er auf das einzige „kubistische Haus“ in Prag. Das könnte eine phänomenale Unterkunft für das Literaturhaus sein. Könnte. Das Café im Paterre mußte der hohen Miete wegen aufgeben. Nebenbei erfuhr ich, dass vor allem Italiener und Russen die edlen Immobilien kauften. Im Gegensatz zu den Russen kümmerten sich die Italiener erst einmal nicht um den Zustand der Bauten. Nach ihrer Erfahrung sind alte Städte wohl unverwüstlich.

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Prag, 23.01.2008

 

Ein Tag mit Gesang und Brückenheiligen. – Ich besuche zum ersten Mal das Büro des Prager Literaturhauses. Sibylle, eine junge Praktikantin, begleitet uns dorthin. Meine Frau und ich fragen uns, ob wir je wieder hinfinden würden. Die Bibliothek, die in dem engen Raum die Regale füllt, wurde von Katherina Holzheuer, einer Bibliothekarin aus der Nähe von Würzburg, gestiftet. Kaum einer der deutschschreibenden Literaten aus Prag, Brünn etcetera fehlt. Das ist eine wunderbar vielstimmige Grundlage für einen tschechisch-deutschen Dialog.

Ich bin verabredet mit František Černy, dem ehemaligen Botschafter der tschechischen Republik in Deutschland. Er ist mit Lenka Reinerová Gründer des Literaturhauses, einer Institution, deren Basis die Zuversicht ist. Wir haben uns schon vor ein paar Jahren in Stuttgart kennengelernt. Seine beredte Aufmerksamkeit habe ich nicht vergessen. Wir spazieren miteinander zum Brückenmuseum, das mit dem Literaturhaus zusammenarbeitet und in dessen Café auch Lesungen stattfinden sollen. Zwischen Brücke und Clarissenkloster ist es ein bizarrer Ort, in dem die über Jahrhunderte reichende Brückengeschichte erzählt wird, in der Peter Parler, der spätere Dombaumeister, und die wundertätigen Heiligen Agnes und Nepomuk eine Rolle spielen. Ein liebenswürdiger alter Herr führt uns durch die Räume. Er spreche Deutsch, wie uns František Černy versprach. Ein vorsichtiges Deutsch, ganz und gar frei von modischen Neologismen. Mit Černy sitzen wir bei einer Tasse Tee in der mit einer Empore versehenen Cafeteria, von der herunter die Dichter zu lesen pflegen. Das regt zu einer Unterhaltung über Literatur an, und Černy fragt mich, ob ich die Bücher seines Freundes Vaculik kenne. Ich erzähle, wie ich vor Jahren die deutsche Übersetzung von „Das Beil“ las und beunruhigt war von den kantigen Gedanken und Sätzen. Černy versucht uns die Eigenheiten seines Freundes zu erklären. Er habe politisch einen eigenen Kopf und sich nicht selten widersetzt. Und – jetzt kommt eine verblüffende Wendung – er singe! Leidenschaftlich. In Gesellschaft. Volkslieder. Nicht nur tschechische, auch deutsche. Mir fallen Janačeks Aufsätze ein. Sein Interesse für Menschenstimmen, ihre Tonfälle. Die singende Rhetorik seiner Instrumentalmusik.

Gestern, als mich Zdenko Pavelka nach den Unterschieden zwischen Deutschen und Tschechen fragte, hätte ich ihm antworten können: Während die Tschechen miteinander singen, halten die Deutschen das Volkslied für eine Musikform des Fernsehens.

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Prag, 22.01.2008

 

Wer ankommt, bringt Erwartungen mit. Es fragt sich, ob sie sich erfüllen oder nicht. Ich bin nach Prag gereist, um sie mir, vorbereitet von Lucie Černohousová vom Prager Literaturhaus, zu erfüllen. Wie auch immer: Beunruhigt, nachdenklich, aufgebracht.

Ich habe dieses Land, Tschechien, in meinem Gedächtnis bewahrt, immer wieder Orte beschrieben, in Romanen und Gedichten, bis ich es nach beinahe fünfzig Jahren wiedersah. Genaugenommen es wiederfand. Gestern, als ich gefragt wurde, weshalb ich so sehr an den Städten meiner Kindheit hinge, gab ich rasch und vielleicht ein wenig unbesonnen zur Antwort: Was man nicht hat, hat man besonders gern. In einem langen Leben geht vieles verloren: Städte, Länder, Menschen. Sie gehören dem Gedächtnis, sie sind Bestandteil einer vielschichtigen Erzählung. Was wird, frage ich mich, in den kommenden zwei Wochen angesprochen, was lebendig?

So lebendig wie das Kind im Zug zwischen Dresden und Prag. Als wir in Dresden einstiegen, sprang es schon aus mir heraus und mit mir um. Es ist eine Strecke, entlang der Elbe, die ich auswendig kennen müßte, aus bestimmten Gründen aber nicht. Ich reiste mit meinen Eltern regelmäßig über Prag nach Brünn, dort warteten die Schwestern meines Vaters auf uns und die tschechischen Verwandten. Ich hatte Grund, mich auf sie zu freuen. Aber ich fürchtete mich vor der Fahrt, die ich mir selber verdarb – weshalb? wogegen wehrte sich das Kind? -, indem ich wie hypnotisiert auf die Schwellen im Nachbargleis starrte und mir davon derart schlecht wurde, dass ich mich erbrach. Das wurde jahrelang in der Familie erzählt, auch dass ich – mit drei Jahren – im Speisewagen ein Salzfäßchen auf einen Mitreisenden warf. Zwischen Prag und Brünn. Immerhin hat das Kind, neben allem Allotria, auch eine politische Veränderung erfahren. Plötzlich trugen in Tetschen-Bodenbach, an der Grenze, die Polizisten und Zöllner andere Uniformen und mein Vater sprach nicht mehr tschechisch mit ihnen.

Es ist das erste Mal, dass ich ein Tagebuch schreibe, auf Wunsch und im „Auftrag“. Ich werde also eine Spur hinterlassen, ein paar Sätze wie dieses Gedicht von der Reise nach Prag:

 

Immer reisten wir über Tetschen-Bodenbach

Ins Böhmische.

Das Kind, sagte eine Stimme

Neben dem Kind, das Kind

ist doch ein wenig blöd: Immer starrt es

zum Fenster hinaus

auf die Schwellen im Nachbargleis.

Von Dresden bis Prag.

Sieht nur Schwellen, bis ihm schlecht wird

und es alle Schwellen erbricht.

Jetzt,

mürb und alt geworden,

zählt das Kind die Treppenstufen,

die es erwarten.

Am Ende könnte es ihm übel werden.

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