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Archive for the ‘Tilman Rammstedt’ Category

Na shledanou

Was ich mir in Prag besonders angewöhnt habe, ist das Nuscheln. Das Nuscheln ist sehr praktisch, wenn man eine Sprache nicht beherrscht, nur einzelne Wörter, von denen einem nicht ganz klar ist, wie sie genau ausgesprochen werden. Beim Nuscheln hofft man auf den erklärenden Kontext und eine Mischung aus Vertrauen und Gleichgültigkeit beim Gegenüber, der das Genuschelte nicht als Hilflosigkeit sondern Unachtsamkeit deuten soll. Das funktioniert natürlich nur bei einigen Audrücken, bei „Guten Tag“, bei „Entschuldigung“, bei „Dankeschön“, bei „Ich hätte gern“, bei allen Floskeln, die mehr Geste als Informationsträger sind.

„Auf Wiedersehen“ gehört natürlich auch dazu. Und nun, am Ende meiner Zeit in Prag, achte ich besonders auf diesen Ausdruck, und vielleicht kann ich am Ende meiner Zeit hier auch gestehen, dass ich bis heute nicht genau weiß, wie man es auf Tschechisch ausspricht. Mehrmals, manchmal dutzende Male pro Tag habe ich es gehört, aber es klang jedes Mal anders: „Na schledanou“, „Na skledanou“, „Na Sledanou“, dazu die Abkürzungen „Na skle“, „Na schle“, „Na skla“, „Na sla“ – manchmal bekam ich den Verdacht, auch die Tschechen sind sich über die genaue Aussprache nicht ganz sicher, auch sie würden einfach nuscheln, um nicht zugeben zu müssen, dass sie keine Ahnung haben, wie man es genau ausspricht, und so nuscheln alle einander an, und jeder glaubt dem anderen, und es funktioniert ja auch bestens so. Mir gefällt diese Vorstellung. Es würde zu Prag passen, wie ich es kennen gelernt habe, und das ich nun auch deshalb mit Wehmut verlasse, weil ich vielleicht viel zu wenig mitgenuschelt habe.

Und daher nun zum Abschluss ein beherztes und aufrichtiges und fest geplantes: [’nu:∫ln]!

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Das erste, was ich hier am Morgen höre, ist ein Lachen. Irgendwer, Charlie Chaplin oder Montaigne oder Reinhard Mey, hat bestimmt einmal gesagt, dass jeder Morgen mit einem Lachen beginnen sollte, aber da wurde wohl ein anderes Lachen gedacht. Das Lachen, das ich jeden Morgen höre, ist kalt und scheppernd und gehässig und sehr ausdauernd – es ist ein durchweg böses Lachen. Die ersten Tage habe ich nicht gewusst, woher das Lachen kam. Ich stellte mir ein kleines Männchen auf dem Fenstersims vor, das sich über  meine Verschlafenheit lustig macht. Ich stellte mir einen schlecht gealterten Clown in meinem Kleiderschrank vor, der nachts heimlich Senf in meine Zahnpastatube gefüllt hat, und es nun nicht mehr abwarten kann. Ich vermutete sogar mich selbst hinter diesem Lachen, meine diabolische und etwas arg perfide Seite, die jetzt in Prag erst richtig zum Vorschein kam.

Erst Tage später entdeckte ich die eigentliche Quelle des Lachens. Direkt vor meinem Fenster erstreckt sich der große Obstmarkt, auf dem zwar pflichtbewusst auch Früchte, aber vor allem allerlei Touristenramsch feilgeboten wird. Zu den beliebtesten Artikel zählen kleine, dramatische Plastikhexen, die auf Knopfruck lachen können. Und das wird sicherheitshalber alle paar Sekunden demonstriert.

Vom Lachen und Nichtvergessen

 

Richtig beruhigt bin ich von der Erklärung aber nicht. Nachts ist der Markt abgebaut, und wer weiß, was die Hexen dann machen. An meiner Zahnpasta rieche ich jedenfalls immer erst ausgiebig.

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Magisches Prag 2

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Tips not included

Wenn man, wie ich gerade, ein paar Tage ganz allein ohne irgendwelche Verpflichtungen geschenkt bekommt, wächst der Druck ins Unermessliche. Drei Romane wollte ich in diesen Tagen mindestens schreiben, dazu einer Handvoll kleiner Artikel für zwischendurch, darüber hinaus galt es natürlich auch, endlich mal wieder auszuschlafen, es galt endlich mal wieder ins Kino zu gehen, es galt, sich endlich mal wieder schon mittags einen Wein zu genehmigen, es galt in Museen zu gehen und auf Hügel zu gehen und Schwimmen zu gehen und endlich mal wieder in Ruhe nachzudenken und endlich mal in Ruhe gar nicht zu denken, sondern einfach zu entspannen, die Dinge kommen zu lassen, und all das war gleich wichtig, und für all das braucht man natürlich eher ein paar Jahre als ein paar Tage, aber wahrscheinlich wäre es auch damit nicht getan, denn wenn man alles auf einmal will, endet man sehr schnell im besten Fall mit einem Wischiwaschi, im schlechtesten Fall mit nichts, und in jedem Fall mit gehöriger Unruhe.

Mich machte diese Unruhe vor allem zum Konsumenten. Im Durchschnitt bin ich am Tag in sechs verschiedenen Cafés und Restaurants, bestelle dort insgesamt im Durchschnitt unzählige Kaffee, etwas mehr zählbare Tee, viel, aber nicht ausreichend Wasser, großzügig Wein und Wodka, dazu ein paar Frühstücks, ein üppiges Mittagessen, das ein oder andere Stück Kuchen und ein angemessenes Abendessen. Hin und wieder gönne ich mir auch auf dem Weg von einem Café ins nächste einen Snack (nichts Großes, einen Apfel, einen Schokoriegel, ein paar Knödel to go). Im Café versuche ich natürlich zu arbeiten, was nicht leicht ist, weil mir andauernd Dinge gebracht werden, weil ich andauernd kauen muss und schlucken muss und bestellen und bezahlen muss. Die meisten Kellner mögen mich. Sie grüßen mich fröhlich, wenn ich hereinkomme und fangen schon einmal an, alle verfügbaren Tassen und Gläser und Teller zu füllen. „Noch ein Kaffee?“, fragen sie, wenn sie die entleerte Tasse abräumen, und manchmal sage ich: „Nein, gerade nicht“, und dann lachen wir beide herzlich und der Kellner bringt mir den nächsten Kaffee. Sie mögen anscheinend auch meinen Humor hier. Wir behandeln uns gut, Prag und ich.

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Prager Legenden

Vor ein paar Tagen wurde ich zu einer Moldaufahrt eingeladen. Auf einem malerischen Moldaukahn, gesteuert von einem malerischen Kapitän, erklärte mir eine malerische Stadtführerin all das, was vom Wasser aus sehen konnte. Man konnte sehr viel vom Wasser aus sehen, und wir hatten nur eine Viertelstunde Zeit, also erklärte sie sehr schnell und weil ich die ganze Zeit versuchte, ebenfalls malerisch auszusehen, hörte ich nicht richtig zu. Ganz sicher sagte sie aber, dass sich um Prag und seine Bauwerke viele Legenden spinnen würden. Ich vermute, dass die meisten Städte das von sich behaupten. Legenden machen sich schließlich gut für Städte und besonders gut machen sie sich für Stadtführerinnen. Drei dieser Legenden will ich hier wiedergeben, da ich aber, wie gesagt, nicht ganz bei der Sache war, kann ich für ihre Wahrheit nicht garantieren, nicht einmal für ihre Wahrheit als Legenden.

 

1. Die große Orgel in der St. Niklas-Kirche weist am Notenbrett deutliche Bissspuren auf. Der Legende nach stammen sie aus dem Jahr 1787 und zwar von einer jungen Pragerin, die mit dem damals in Prag weilenden Mozart in eine solch leidenschaftlichen Affäre verstrickt war, dass sie selbst bei seinem Konzert in der St. Niklas-Kirche nicht voneinander lassen konnten. Mozart soll selten so gut gespielt haben.

2. Das Tretbootfahren soll angeblich in Prag erfunden worden sein. Im Juni 1621, wenige Monate nach der Schlacht am Weißen Berg, in dem die böhmischen Stände in nur zwei Stunden von den Habsburgern besiegt wurden, versuchte einer der böhmischen Adeligen seiner drohenden Hinrichtung auf dem Wasserwege zu entkommen. Kurz vor der Sophieninsel brachen ihm aber gleichzeitig beide Paddel (Sabotage?), und während die Boote seiner Häscher immer näher kamen, baute er sich mithilfe seiner Halskette, der beiden Paddelstumpen und zwei ineinander gesteckter Regenbogenforellen eine rudimentäre Tretvorrichtung, mit der er sein Leben rettete und die Welt um eine beliebte Freizeitaktivität für Jung und Alt bereicherte. Ihm zu Ehren befindet sich auf der Nordseite der Sofieninsel heute der größte Tretbootverleih Europas.

3. Im sogenannten „Tanzenden Haus“, dem von Frank Gehry und Vlado Milunic entworfenen Bürogebäude in der Neustadt, soll es spuken. Angeblich handelt es sich dabei um den Geist von František Stejskal, dessen Entwurf damals nur auf dem zweiten Platz landete. Stejskal, der sich bester Gesundheit erfreut, verbittet sich jedoch diese Legende.

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In der Straße, in der ich wohne, befindet sich auch die amerikanische Botschaft. Es ist ein schönes Gebäude, in dem zum Ende seines Lebens für ein paar Monate Kafka gelebt hat. Morgens steht da immer eine kleine Schlange von Menschen, wohl um ein Visum zu beantragen, nachmittags lassen sich manchmal amerikanische Reisegruppen vor dem Gebäude fotografieren. Vielleicht haben sie Heimweh. Sonst ist wenig los.

Aber weil es sich nun einmal um die amerikanische Botschaft handelt, parkt ein paar Meter weiter ein Polizeiwagen. In dem Wagen sitzen zwei Polizisten. Wenn ein Auto die Straße hinauf fahren will, steigen sie aus. Der eine schaut dann halbherzig mit einem Spiegel unter das Auto, der andere lässt sich vom Fahrer kurz Motorhaube und Kofferraum öffnen. Dann nicken sie, und das Auto kann weiter fahren.

Amerikanische Botschaft

Ich weiß nicht, wonach die beiden Polizisten suchen. Aber was immer es auch sein mag, es wäre lächerlich leicht an ihnen vorbei zu schmuggeln. Das weiß der Fahrer, das wissen die Polizisten, das wissen auch die Botschaftsangestellten, die dadurch ja eigentlich gesichert werden sollen. Es ist ein reines Ritual, eine Inszenierung von Kontrolle, die beim besten Willen nicht stattfindet.

Ich laufe jeden Tag mehrfach an den Polizisten vorbei. Sie sind immer guter Laune, und das freut mich. Ich stelle es mir nicht einfach vor, den ganzen Tag nach etwas zu suchen, von dem man weiß, dass man es, selbst wenn es existierte, nicht finden wird. Aber vielleicht täusche ich mich da. Vielleicht ist sogar genau das der Grund ihrer guten Laune. Und vielleicht betrachte ich das Ganze auch von der falschen Seite, und sie finden immer etwas, in jedem einzelnen Auto, das sie anhalten: nämlich alles in bester Ordnung.

Ich werde ab jetzt täglich die Anzahl meiner Beine überprüfen.

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Das frühe Aufstehen erleichtert das Sozialisieren: Mich grüßen jetzt schon der Trafikant, der Straßenfeger und der Mann mit den beiden identisch aussehenden Hunden. Nach acht wird es dann wieder anonym.

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