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Archive for the ‘Tilman Rammstedt’ Category

Ich weiß, was sich gehört. In den ersten 48 Stunden in einer neuen Stadt sollte man Eindrücke sammeln, man sollte sich mit großen Augen überfordern lassen und sich daran erfreuen, dass jeder Schritt eine Entdeckung ist, und vorbildlich bin ich auch auf und ab gelaufen, kreuz und quer, über Brücken und durch Parks, durch Straßen und Gassen und Torbögen und Einkaufszentren, aber leider erkannte ich alles wieder. Jedoch nicht von meinen bisherigen – allesamt sehr kurzen – Besuchen in Prag, sondern aus vollkommen anderen Städten, aus nahe liegenden wie Budapest, wie Krakau, wie Bologna und Paris, aber auch aus Cluj, aus Graz, aus Bamberg, aus Mannheim. Ich stolpere von déja-vu zu déja-vu, und falle jedes Mal wieder darauf hinein, jedes Mal denke ich, das alles schon zu kennen, bevor mir auffällt, dass das nicht stimmt, dass es doch neu ist, dass es doch eigentlich fremd ist und daher auch befremden sollte. Aber das tut es einfach nicht, so sehr ich mich auch bemühe, und ich frage mich, warum es das um Himmels Willen nicht tut.

Natürlich gleichen sich viele europäische Städte: Es gibt den Fluss und die Burg und das Café und die Touristen und die Tauben, es gibt Starbucks und Vodafone und Kirchen und Kopfsteinpflaster, es gibt Irish Pubs, es gibt koreanische Autos, es gibt tschechisches Bier, japanisches Essen, schwedische Möbel, es gibt Espresso und Tapas und Harry Potter – davon war aber auszugehen, das wusste ich, das kann kein Grund dafür sein, dass mir die Stadt schon so bekannt vorkommt.

Und natürlich, so fürchte ich, liegt es auch am Älterwerden, am eingeschränkten Blick, am ständigen Vergleichen und Einsortieren, so wie man auch neue Menschen schon zu kennen glaubt, weil sie einen an andere erinnern, so wie einen Bücher langweilen, weil man glaubt, sie schon einmal in besser gelesen zu haben.

Aber der wahre Grund ist vielleicht ein anderer. Der wahre Grund ist vielleicht, dass mir das Gefühl der Fremdheit schon so vertraut ist, dass es das eigentliche Fremde überdeckt, dass es mich nur erinnert an all die anderen Fremdheiten. Bei jedem Hantieren mit dem Stadtplan erinnere ich mich an die tausend vorherigen hantierten Stadtpläne, jedes Währungsumrechnen erinnert an frühere Rechnereien, jedes Verlaufen, jedes Radebrechen, jedes Gestikulieren, jedes mühsame Entziffern, jeder schmerzende Fuß, jeder verschämte Satz auf Englisch, jedes berauschende Gefühl von Freiheit ist schon geprobt. Ich kenne meine Rolle so gut, dass die Kulisse doch eigentlich beim besten Willen nicht unvertraut sein kann, und deshalb glaube ich, alles wieder zu erkennen, weil ich nicht die Stadt wahrnehme, sondern mich selbst im Verhältnis zu ihr.

Zwei Monate werde ich hier in Prag sein. Zeit genug, um mich so an die Stadt zu gewöhnen, dass sie mir fremd wird. Und darauf freue ich mich sehr.

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